Virostatika

HIV: Früher Therapiebeginn, weniger Nebenwirkungen Alexandra Negt, 22.06.2021 12:44 Uhr

Die Erfahrung der Ärzt:innen, möglichst früh mit einer antiretroviralen Therapie nach der Infektion zu starten, hat sich in einer Studie bestätigt. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin - 

Der Zeitpunkt der Diagnose ist bei HIV nie der Zeitpunkt der Infektion. In dem Moment, wo der Patient/die Patientin erfährt, dass er/sie den Erreger in sich trägt, sollte schnellstmöglich mit einer Therapie gestartet werden. Ärzt:innen und Apotheker:innen wissen um die Notwendigkeit des frühen Therapiestarts. Schaut man auf die Studienlage, so wird schnell klar, dass dieses Wissen eher auf Erfahrung als auf Untersuchungen beruht.

Die Studienlage zum optimalen Therapiebeginn nach einer Infektion mit dem HI-Virus ist schwach. Das Wissen, was Mediziner:innen dazu veranlasst, möglichst früh mit einer Therapie zu starten, beruht zum großen Teil auf Erfahrung. Doch eine Studie zeigt jetzt, dass die Erfahrungswerte richtig sind – je früher die antiretrovirale Therapie beginnt, desto besser der Therapieerfolg. Zudem erfolgen 43 Prozent der HIV-Transmissionen bei MSM innerhalb der ersten 12 Monate nach Infektion des Indexfalls. Auch deshalb ist eine frühzeitige Therapie wichtig.

Ärzt:innen befürworten den frühzeitigen Therapiestart, da sie erfahrungsgemäß wissen, dass diese Patient:innen ein geringeres Risiko für HIV-assoziierte Morbidität und -Mortalität aufweisen. Darüber hinaus wird die Viruslast direkt zu Beginn niedrig gehalten, so dass der Körper weniger belastet wird. Das Argument, dass die Medikamente an sich sehr starke Nebenwirkungen haben und auf Dauer eine gewisse Toxizität aufweisen, ist nur bedingt haltbar. Heutzutage gibt es zahlreiche Wirkstoffgruppen. Je nachdem, welche Nebenwirkung der Patient/die Patientin verzeichnet, kann ein Therapiewechsel erfolgen. Toxizitäten spielen bei den Wirkstoffen der neueren Generationen keine Rolle mehr.

Im Rahmen des diesjährigen Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin stellte Professor Dr. Clara Lehmann, Ärztin an der Uniklinik Köln (Klinische Infektiologie), die Ergebnisse der zugehörigen Studie vor. Die Studie vergleicht Patient:innen, die innerhalb der akuten Infektion mit der Therapie begonnen haben, mit denen, die erst 24 Wochen nach der Infektion mit der Präparateeinnahme begonnen haben. Die Ergebnisse zeigen, dass ein früher Start der antiretroviralen Therapie zu einer frühzeitigen Minimierung der Viruslast führt.

Die Studie „Clinical and immunologic outcomes after immediate or deferred antiretroviral therapie initiation during primary human immunodeficiency virus infection” wurde in Lima durchgeführt und schloss 216 Teilnehmer:innen ein. 105 Teilnehmer:innen erhielten eine sofortige Therapie, 111 eine Verzögerte. Das mittlere Alter betrug 26,8 Jahre. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Personen, die direkt mit der Therapie starteten, diese besser vertrugen. Darüber hinaus kam es bei den Personen, die frühzeitig mit der antiretroviralen Therapie starteten, seltener zu Non-Aids-Ereignissen. Ebenfalls wurden Vorteile hinsichtlich der CD4/CD8-Ratio analysiert. Was genau das im klinischen Bild für Auswirkungen habe, bleibe aktuell jedoch offen, erklärt Lehmann.

Für die Beratung in der Apotheke bedeutet das Studienergebnis unter anderem, dass der frühzeitige Therapiebeginn mit einer guten Compliance entscheidend für den Therapieerfolg sein kann. Apotheker:innen und PTA können den Patienten/die Patientin darauf aufmerksam machen, dass die Mittel weniger Nebenwirkungen aufweisen, wenn sie zeitnah nach der Infektion eingenommen werden. Generell sollte ein ausführliches Gespräch über die bestehenden Bedenken des Patienten/der Patientin gegenüber den Arzneimitteln geführt werden. Denn: Eine Medikation kann nur dann wirken, wenn der Betroffene/die Betroffene sie auch regelmäßig einnimmt.