Antibakteriell oder begrenzt viruzid

Desinfektionsmittel: Unterschiedliche Wirkspektren Alexandra Negt, 09.03.2020 15:07 Uhr

Je nachdem, welchen Zweck ein Desinfektionsmittel erfüllen soll, kommen unterschiedliche Inhaltsstoffe zum Einsatz. Für die Händedesinfektion eignen sich alkoholbasierte Lösungen – nicht alle sind viruzid. Foto: Pixabay
Berlin - 

Je nachdem, welchen Zweck ein Desinfektionsmittel erfüllen soll, kommen unterschiedliche Wirkstoffe zum Einsatz. Zur Flächendesinfektion eignen sich quartäre Ammoniumverbindungen oder Alkohole wie Isopropanol. Zur Desinfektion der intakten Haut eignen sich ebenfalls Alkohole. Das Mischverhältnis von Ethanol und Isopropanol entscheidet über das Wirkspektrum. Zur Wunddesinfektion eignen sich diese Substanzen nicht, da sie Hautirritationen und starkes Brennen verursachen. Für die Desinfektion von Wunden eignen sich Substanzen wie Jod, Chlorhexidin oder Polyhexanid.

Desinfektion von intakter Haut – Händedesinfektion

Die Desinfektion von intakter Haut sollte mindestens 30 Sekunden dauern. Um alle Bereiche der Hände ausreichend zu benetzen, sollten mindestens drei Milliliter Lösung verwendet werden. Um diese Menge besser abschätzen zu können, eignet sich die eigene Hand als Maß: Die Kuhle der hohlen Hand sollte vollständig mit Lösung gefüllt sein. Das Volumen liegt so meist zwischen drei und fünf Millilitern, je nach Größe der Hand. Die Verreibung sollte einem festen Schema folgen. Dabei sollten die Fingerzwischenräume, der Daumen und die Fingerspitzen nicht vergessen werden. Innerhalb der hygienischen Händedesinfektion werden ebenfalls die Handgelenke eingerieben. Das Desinfizieren der kompletten Unterarme bleibt aus – dies ist Teil der chirurgischen Händedesinfektion. Zur Inaktivierung bestimmter Erreger, darunter Pseudomonas-Stämme, ist eine längere Einwirkzeit nötig.

Alkoholgemische unterschiedlich wirksam

In alkoholbasierten Desinfektionsmitteln werden unterschiedliche Alkohole eingesetzt. Neben reinen Ethanol-haltigen oder Isopropanol-haltigen Lösungen sind auch Kombinationen erhältlich. Je nachdem, wie hoch die Konzentrationen sind, unterscheiden sich die Wirkspektren – manche Lösungen sind rein bakterizid, andere auch viruzid. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat eine Liste veröffentlicht, in der die Mittel nach ihren Wirkungsbereichen unterteilt sind: Wirkungsbereich A umfasst Bakterien und Pilze, Wirkungsbereich B Viren. Viruzide Händedesinfektionsmittel wirken gegen alle drei Keimarten. Je nach Zusammensetzung des Präparates tötet viruzides Desinfektionsmittel ausschließlich behüllte oder auch unbehüllte Viren ab.

Einteilung

  • bakterizid
    • tötet Bakterien ab, keine Sporen (Sporenbildner sind beispielsweise Bacillus- und Clostridium-Stämme)
  • fungizid
    • tötet Pilze, beispielsweise Hefepilze, ab
  • viruzid
    • behüllte und unbehüllte Viren
  • begrenzt viruzid
    • behüllte Viren
  • begrenzt viruzid plus
    • behüllte Viren sowie Adeno-, Noro- und Rotaviren

Produktbeispiele mit Zusammensetzung pro 100g

  • Sterillium Pure (Propan-2-ol 45 g, Propan-1-ol 30 g, Mecetroniumetilsulfat 0,2 g, sonstige Bestandteile: Glycerol, Tetradecan-1-ol, Hartmann)
    • antibakteriell, viruzid gegenüber behüllten Viren
  • Sterillium Virugard (Ethanol 95 g, sonstige Bestandteile: Butan-2-on, Glycerol, Tetradecan-1-ol, Benzin, Hartmann)
    • antibakteriell und viruzid
  • Desmanol pure (Propan-2-ol 75 g, Schülke)
    • antibakteriell und begrenzt viruzid plus: behüllte Viren und zusätzlich Adeno-, Noro- und Rotaviren
  • Sagrotan Handhygiene-Gel (Ethanol 63 g, Reckitt Benckiser)
    • antibakteriell
  • SOS Desinfektion Hand-Gel (Ethanol 63 Prozent, Windstar Medical)
    • antibakteriell
  • Hygiene-Handgel Balea (Ethanol 45g, dm)
    • antibakteriell

VAH-Liste

In der VAH-Liste sind alle Desinfektionsmittel enthalten, die ein gültiges Zertifikat des Verbundes für Angewandte Hygiene (VAH) besitzen. Sind alle Qualitätsanforderungen erfüllt, so wird ein Zertifikat von der Desinfektionsmittel-Kommission im VAH ausgestellt. Alle gelisteten Präparate haben die Wirksamkeitsprüfung nach standardisierten Prüfmethoden gemäß dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand bestanden. Betriebe wie Krankenhäuser oder Labore können bei der Auswahl des richtigen Desinfektionsmittels auf die Liste zurückgreifen.

Flächendesinfektion

Bei einer Flächendesinfektion werden häufig Konzentrate verwendet, die vor der Anwendung frisch herunterverdünnt werden. Die Flächendesinfektion dient der systematischen Keimreduktion auf Oberflächen. Einsatzgebiete sind neben Krankenhäusern und Laboren auch Betriebe, in denen Lebensmittel verarbeitet werden. In Krankenhäusern sollen vor allem solche Flächen häufig desinfiziert werden, die als potentielle Infektionsquelle angesehen werden. Hierzu zählen Oberflächen im Sanitärbereich, Fußböden sowie häufig berührte Oberflächen (Türklinke, Handläufe, Tische und Lichtschalter).

Für die Desinfektion von Oberflächen kommen zum Teil andere Wirkstoffe zum Einsatz als bei der Händedesinfktion. Neben Alkoholen werden auch quartäre Ammoniumverbindungen, Aldehyde und andere Detergentien eingesetzt. Um auch Sporen abzutöten, müssen sporozide Wirkstoffe eingesetzt werden. Hierzu zählen beispielsweise Peressigsäure, Wasserstoffperoxid, Essigsäure und Natriumhypochlorit.

Wunddesinfektion

Alkohole wie Ethanol oder Isopropanol führen zu Reizungen der geschädigten Haut – die Wunde brennt und schmerzt. Zur Desinfektion von offener Haut eignen sich diese Substanzen daher nicht. Besser verträglich und ebenfalls gut wirksam sind antiseptische Substanzen wie Povidon-Jod, Octenidin, Chlorhexidin oder Polihexandid. Alle Substanzen haben ein breites antibakterielles Wirkspektrum.

Jod-haltige Präparate sind aufgrund der Inaktivierung durch Blut und Eiter nicht für stark blutende Wunden geeignet. Einige Substanzen können die Wundheilung stören oder zu allergischen Reaktionen führen, so werden Wasserstoffperoxid, Kaliumpermanganat oder Ethacridinlactat heute nicht mehr als Mittel der Wahl empfohlen. Auf den Einsatz von lokal wirksamen Antibiotika sollte aufgrund möglicher Resistenzbildung verzichtet werden.

Antiseptische Präparate zur Wunddesinfektion sind in unterschiedlichen Darreichungsformen verfügbar. Neben Lösungen gibt es Sprays, Salben oder Gele.

Produktbeispiele mit Wirkstoff

  • Betaisodona-Lösung (Povidon-Jod, unverdünnt und verdünnt, Mundipharma)
  • PVP-Jod Salbe Ratiopharm (Povidon-Jod, Ratiopharm)
  • Octenisept-Spray (Octenidinhydrochlorid, Schülke)
  • Octenilin-Wundgel (Octenidinhydrochlorid, Schülke)
  • Hansaplast-Wundspray (Polihexanid und Decylglucosid, Beiersdorf)
  • Prontolind-Schaum (Polihexanid, speziell zur Pflege von Tattoos und Piercings, Prontomed)
  • Chlorhexamed-Gel (Chlorhexidin, speziell für die Anwendung im Mundbereich, GSK)
  • Medigel-Wundreinigungsspray (tensidhaltig: Cocamidopropyl Betain, Medice)