Noweda: Nach oben spotten, nicht nach unten treten!

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3,52 Milliarden Sendungen wurden vergangenes Jahr laut Branchenverband BIEK in Deutschland verschickt. Um vier bis fünf Prozent zeigt die Zahl der Paketzustellungen jährlich. Und es sind nicht die Apotheken, die die größten Opfer dieser Entwicklung sind, andere Branchen hat es ungleich härter getroffen, manche wurden buchstäblich weggefegt. Auch die Bediensteten der Zustellerbranche stehen nicht auf der Gewinnerseite: Zwischen 2007 und 2017 ist das durchschnittliche Bruttogehalt eines Paketboten um 13 Prozent gesunken, 2478 Euro betrug es laut BIEK im vergangenen Jahr. Es herrscht ein enormer Wettbewerbsdruck auf dem Markt, weil die Paketpreise kontinuierlich sinken. Gleichzeitig steigt die Zahl der Zustellungen auch deshalb, weil kostenloser Versand und mehrfache Rücksendungen immer gängiger werden.

Die Zeche zahlen die Fußtruppen: Die Kette der Subunternehmer verschleiert, dass der Mindestlohn nicht beim Boten ankommt. Laut ver.di sind Stundenlöhne zwischen 4,50 und 6 Euro an der Tagesordnung. Dafür müssen sie dann umso mehr arbeiten: Oft in erzwungener Scheinselbstständigkeit fahren die Boten Tag und Nacht für einen Hungerlohn; 12- bis 16-Stunden-Schichten sind keine Seltenheit. Die Paketboten sind nicht die Gegner der Apotheker vor Ort, sie sind genauso Opfer des wirtschaftlichen Wandels.

Und die Apotheker? Die sind aus nachvollziehbaren Gründen frustriert, dass sie teilweise noch immer als Berufsstand verunglimpft werden, der sich mit dem Hinhalten von Pappschachteln eine goldene Nase verdient. Will man der breiten Bevölkerung verdeutlichen, dass man auf ihrer Seite steht, sollte man seine Häme also besser nach oben richten, nicht nach unten. Dass es oben genug zu verspotten gibt, zeigt Rüdiger als CEO von Mega-Web-Arzneimittel XXL deutlich. Wer aber zu den 20 Prozent der deutschen Bevölkerung an der Armutsgrenze gehört, wird sich vielleicht eher mit dem gestressten Zusteller auf der Ladefläche identifizieren als mit dem promovierten Weißkittel hinter der Kasse – oder dem fremdkapitalgesteuerten Versandkonzern kurz hinter der Grenze.

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