Versandhandel

Letzte Chance zur Apothekenrettung

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Berlin -

Es gibt Orte, an denen es schön ist, eine grüne Politikerin zu sein. Saal M 5 gehörte auf dem Apothekerforum beim Hauptstadtkongress für Kordula Schulz-Asche definitiv nicht dazu: In der Expertenrunde zum Thema „Zukunft der pharmazeutischen Versorgung“ war sie die Einzige, die sich gegen das Rx-Versandverbot aussprach.

„Ich bin vehement dagegen“, sagte sie zum Dauerthema der Branche. Was ihr einen genervten Blick ihrer Nachbarin zur rechten Seite einbrachte: Kathrin Vogler von der Faktion Die Linke malte ein düsteres Bild der Zukunft der Apotheke: „Ich möchte meine Arzneimittel nicht entgegennehmen, nachdem sie zum Beispiel bei heißem Wetter wie heute drei Stunden lang in einem Transporter bei 50 Grad unterwegs waren.“

Sie skizzierte Parallelen zum klassischen Versandhandel: „Wenn man sieht, was der Internethandel dem klassischen Handel angetan hat, ist zu erwarten, dass das in der Pharmabranche ähnlich sein wird. Es ist heute in vielen Innenstädten zum Beispiel gar nicht mehr möglich, Schuhe zu kaufen. Man kann sagen: Das ist schade für die Städte und Gemeinden, aber gut, das ist eben so, wenn die Menschen sich so entscheiden. Bei Arzneimitteln ist das etwas anders: Arzneimittelversand ist keine Hilfe, wenn ich in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Land wohne und mein Kind am Freitagabend Mittelohrentzündung bekommt. Bis der Bote am Montagmorgen kommt, ist das Kind schon im Krankenhaus.“

Vogler betonte die Bedeutung der Apotheken als Akutversorgung: „Apotheker sind oft der erste Ansprechpartner, oft rät der Apotheker, dass man mit der Erkrankung vielleicht doch besser in die Notarztpraxis gehen soll.“ Ihr Vorwurf: „Der Versandhandel sucht sich die Rosinen raus und die anderen bekommen den Rest. Davon wird die Apotheke im Dorf nicht überleben können.“ Sie kritisierte DocMorris, das Unternehmen habe im ersten Quartal aufgrund seiner aggressiven Marktstrategie 17 Prozent Umsatzplus eingefahren. „Das ist ein rasant wachsender Markt, wenn wir jetzt nicht eingreifen, wird die Regulierung später nicht einfach sein.“

Auch Michael Hennrich (CDU) kritisierte die Vorgehensweise von Zur Rose: „Uns wurde suggeriert, dass der Umsatz in den Monaten November 2016 bis März 2017 zurückgegangen sei. Kürzlich las ich in der FAZ über die wunderbare Strategie des Unternehmens und welches Umsatzwachstum sie haben.“ Insgesamt sei diese Frage zu stellen: „Sollten wir nicht entspannt sein angesichts von Versandhandel-Marktanteilen von 0,5 Prozent?“

Schulz-Asche sagte: „Wir reden hier über einen Vertriebsweg, der sich seit 13 Jahren in Deutschland in bestimmten Nischen etabliert hat.“ Für sie liegen die Herausforderungen bei den Apotheken: „Die Apotheke vor Ort muss sich auf den Weg machen. Es kommen derzeit viele Innovationen aus dem Pharmabereich, man muss sich überlegen, wie man es schafft, als Apotheker in den aktuellen Diskussionen präsent zu sein. Wenn sie nicht dabei sind, sehe ich schwarz für die Apotheken.“

Rainer Woratschka, Redakteur beim Berliner Tagesspiegel, führte durch die Diskussion, an der auch ABDA-Präsident Friedemann Schmidt teilnahm. Sabine Dittmar (SPD) erschien nicht, sie wurde wegen Terminproblemen entschuldigt. Woratschka schlug den zukunftsbangen Apothekern als Ausweg die Spezialisierung auf Themen wie Prävention, Ernährungsberatung, Impfungen oder Nikotinentzug vor: „Wäre das nicht eine Möglichkeit?“

Schmidt erklärte, dass dies von den Apothekern schon längst erkannt sei: „Es gibt in Deutschlands Apotheken zum Beispiel rund 2200 Ernährungsberater. Das bedeutet, dass jede zehnte Apotheke diesen Schwerpunkt gesetzt hat. Und wir kämpfen seit Jahren dafür, dass Apotheken für Präventionsleistungen bezahlt werden.“ Auch Hennrich ist überzeugt: „Es gibt eine Vielzahl von Themen, bei denen man Apotheken stärken kann. Aber eine Apothekenumstellung kann man nicht in vier Wochen machen.“

In einem Punkt waren sich alle einig: In dieser Legislaturperiode werden keine Entscheidungen mehr getroffen. Schmidt sagte, dass die Zeit laufe und alle skeptisch seien, ob die Probleme der Apotheker in der nächsten Legislatur gleich ein Thema seien oder ob sich wieder alles zeitlich nach hinten schieben werde.

Als möglichen Kompromiss sieht Hennrich, dass Apothekern Gemeinwohlfunktionen wie zum Beispiel Rezepturen oder Nacht- und Notdienste gesondert vergütet werden. Er sagte, dass ein Rx-Versandverbot für ihn eine Möglichkeit gewesen wäre, einen Riegel vorzuschieben um in aller Ruhe darüber nachzudenken, wie man aus den Problemen wieder herauskommen könne. Es hätte der Branche gut getan, sich Zeit zum Nachdenken zu geben, damit man von den Entwicklungen nicht überholt werde.

Vogler brachte schließlich noch ein anderes wichtiges Thema in die Diskussion ein: „Ich habe immer wieder erlebt, dass Apotheker bereit sind, mehr zu machen. Ich halte Medikamentenmissbrauch für ein großes Problem, dem die Apotheker entgegen wirken könnten. Da braucht man als Patient ein gutes Vertrauensverhältnis zum Apotheker oder man redet mit seinem Arzt, das ist häufig einfacher.“

Sie forderte eine „nationale Strategie“ zur Bekämpfung von Medikamentenabhängigkeit. Das würde die Lebensqualität vor allem von Frauen erhöhen und bei Erfolg die Kosten der Gesundheitsversorgung senken. Die Rolle der Apotheker sieht sie dabei in einer „zentralen Schaltstelle“. Die Entwicklung einer solchen Strategie brauche Zeit: „Das bekommt man nicht in einer Woche auf den Weg gebracht.“ Parallel zum Schlagabtausch begann in Berlin ein formidables Gewitter. Es soll ja reinigende Wirkung haben.

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