Fluorchinolone: Gefährlich und oft verordnet

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Für Becker-Brüser kommen diese Maßnahmen zu spät: „Schon seit Markteinführung in den 80er Jahren gab es Kritik an den Mitteln.“ Zudem habe das damalige Bundesgesundheitsamt bereits 1989 strenge Indikationen für die Verschreibung von Fluorchinolonen empfohlen, die allerdings nicht verpflichtend waren. Die Hochrechnungen des WIdO-Reports empfinde er daher als „Bankrotterklärung der Arzneimittelüberwachung“ , auch wenn Schätzungen natürlich mit Vorsicht zu genießen seien. Nichtsdestotrotz seien von den einst 16 in Deutschland erhältlichen Fluorchinolon-Vertretern 11 vom Markt genommen worden und das teils kurz nach ihrer Einführung: „Das zeigt doch das Schädigungspotenzial.“ Auch im WIdO-Report wird kritisch angemerkt, das BfArM habe verspätet auf die bekannten Risiken reagiert. Auf Nachfrage entgegnet die Behörde dazu schriftlich: „Das BfArM beschäftigt sich nicht erst seit der Auslösung des Risikobewertungsverfahrens 2017 mit Risiken im Zusammenhang mit der Anwendung von Fluorchinolonen, sondern war und ist fortlaufend in die Überwachung und Bewertung der Sicherheit fluorchinolonhaltiger Arzneimittel auf europäischer Ebene eingebunden.“

Das Bundesinstitut verweist dazu auf mehrere Rote-Hand-Briefe und Publikationen zum Thema, aber auch auf die Verantwortung von Ärzten und Patienten: „Es ist für die sichere Anwendung eines Arzneimittels entscheidend, dass die Anwender - Ärzte wie Patienten - sich anhand der Produktinformationstexte über Anwendungsrisiken informieren und dass Patienten sich bei Fragen an ihren behandelnden Arzt wenden.“ Zudem seien Fluorchinolone in nahezu allen europäischen Ländern zugelassen, Maßnahmen zur Änderung der Zulassungsbedingungen müssten auf europäischer Ebene abgestimmt werden.

Wolfgang Becker-Brüser fordert, dass möglichst schon bei der Zulassung von Medikamenten eine eindeutige Positionierung der
Anwendungsgebiete erfolgen solle. Wenn sich nach der Zulassung relevante Einschränkungen ergäben, seien eindeutige Warnhinweise, wie sie in den USA als „boxed warning“ an erster Stelle der Produktinformation stehen, hilfreich. Konkrete Hinweise in der Praxis-Software von Ärzten, wie sie der WIdO-Report befürwortet, sieht er als letzten möglichen Schritt - ähnlich wie Pieper. Die entsprechenden Programme seien noch nicht gut genug.

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