Inhaberin: „Man muss da Position beziehen“

Rassismus-Debatte: Mohren-Apotheke benennt sich um APOTHEKE ADHOC, 28.06.2020 13:51 Uhr

An dieser Auffassung hält Marosi nach wie vor fest. Mohr habe stellvertretend für Heilung und Medizin gestanden – es sei deshalb falsch, dem Namen eine bewusste diskriminierende Absicht zu unterstellen. Mohr sei vielmehr eine anerkennende Bezeichnung gewesen. „Selbst im Mittelalter hat doch niemand sein eigenes Geschäft nach etwas Negativem benannt!“ Umgekehrt wolle sie aber auch nicht so tun, als könne sie den Widerstand nicht nachvollziehen. „Ich konnte von Anfang an verstehen, dass der Name negative Konnotationen bei vielen Menschen verursacht, aber ich hatte natürlich auch als Unternehmerin sehr große Sorgen, einen solchen Schritt zu gehen.“ Denn den Namen eines Betriebes zu ändern, der seit vier Generationen in Familienbesitz ist, ist keine Kleinigkeit. Die Marke gehört zum größten Kapital des Hauses.

Und zu seiner Geschichte. Denn den tiefsten Abgrund rassistischen Überlegenheitswahns kennt sie aus ihrer eigenen Familie: 1901 hatte ihr Urgroßvater Maximilian Korwill die Apotheke übernommen, 1935 folgten ihre Großmutter Edith Schüller und deren Schwester Gertrud Saphir. Doch sie behielten die Apotheke nur drei Jahre, denn mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland war die jüdische Familie ihrer bloßen Existenz wegen von der Vernichtung bedroht. Ihre eigene Mitarbeiterin fiel ihnen in den Rücken und beantragte die „Arisierung“ der Apotheke. Saphir emigrierte noch 1938 in die USA, Schüller blieb in Wien und überlebte den Holocaust unentdeckt in einem Versteck im Ersten Wiener Bezirk. Selbst nach dem Krieg erfuhr sie keine Gerechtigkeit. Zwar wurde sie ab 1948 im Rahmen eines Restitutionsverfahrens wieder als Verwalterin der Apotheke eingesetzt, bis 1955 musste sie sich jedoch mit der Stadt Wien streiten, damit der Betrieb zurück in Familienbesitz übergeht – zehn Jahre nach Kriegsende.

Auch deshalb empfinde sie Rassismus-Vorwürfe gegen ihre Person als „absolut absurd“. Doch Marosi beharrte nicht auf ihrem Standpunkt, sondern zeigte sich gesprächs- und kompromissbereit. Das von vielen Menschen ebenfalls als diskriminierend empfundene Bild eines leicht bekleideten schwarzen Mannes neben dem Eingang ließ sie bereits zuvor entfernen und durch eine Infotafel ersetzen, die über den Mohrenbegriff aufklären soll. Dennoch stieg der Druck kontinuierlich. Eine Online-Petition konnte mit der Forderung nach einer Umbenennung der Apotheke in kurzer Zeit 1800 Unterschriften sammeln, auch die SPÖ-Stadtpolitikerin Mareille Ngosso setzte sich für eine Umbenennung ein. Am Donnerstag stattete sie der Apotheke gemeinsam mit der Aktivistin Noomi Anyanwu einen Besuch ab, um das Thema auszudiskutieren. Und das Treffen endete einvernehmlich. Marosi kündigte an, ihren Betrieb umzubenennen. „Es war ein wirklich sehr konstruktives Gespräch“, gibt Ngosso auf ihrer Facebook-Seite bekannt. „Wir waren uns einig, dass das ein großer, wichtiger Schritt gegen Rassismus ist.“ Die „großartige Übereinkunft“ mit Marosi zeige, „dass Veränderung möglich ist.“

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