Nachtdienstgedanken

Das gibt es hier nicht – „In Russland haben wir das aber!” Sarah Sonntag, 29.07.2018 07:56 Uhr

Berlin - 

Kundenwünsche sind nicht nur auf Produkte limitiert, die hierzulande vertrieben werden. Als guter Apotheker muss man mehr drauf haben. So sollte man wissen, welche Alternativen es gibt und ob es überhaupt Alternativen gibt. Das erwarten zumindest die Kunden.

Die vergangenen Wochen waren turbulent, hier ein Valsartan-Skandal, da ein mutmaßlicher Zyto-Schmuggel, zwischendurch die Forderung, die Importquote abzuschaffen. Was bleibt übrig: Genau, Vertrauensverlust. Sowohl von unserer Seite in die Politik, als auch von Patientenseite in Forschung, Medizin und in uns.

Während wir uns mit solchen Problemen herumschlagen, haben die Kunden meist andere Interessen. Sie wollen qualitative und wirksame Produkte kaufen, ohne Folgeerkrankungen in Kauf nehmen zu müssen. Es soll günstig und sofort verfügbar sein. „Immer müssen Sie alles bestellen!”, hört man. Der Kunde hat nicht unrecht. Warum bin ich nicht freier im Austausch verordneter Arzneimittel? Ob sich das jemals ändern wird? Ich glaube nicht. Das Gesundheitssystem steuert auf eine Krise zu, es muss sich dringlich etwas ändern.

Meine Gedanken werden von der Notdienstklingel unterbrochen. Ich sehe eine Frau, Mitte 40, mit Tablettendose in der Hand. Sie freut sich, dass ich komme. „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?”, frage ich sie. Sie spricht mittelmäßig gutes Deutsch mit russischem Akzent. „Ich brauche dieses Medikament. Meine Mutter ist zu Besuch bei uns und leider sind ihr die Tabletten ausgegangen.“

Ich schaue mir die Dose genau an, doch kyrillische Schriftzeichen kann ich nicht lesen – noch nicht. Zwischen den Zeilen entdecke ich Wörter auf Englisch. Es ist eine Wirkstoffkombination. Hydrochlorothiazid verstehe ich schon mal, das andere ist mir unbekannt. Google und die ABDA-Datenbank verraten mir, dass es den Wirkstoff hierzulande nicht gibt.

„Das gibt es hier nicht“, sage ich ihr. Doch das ist mehr als unbefriedigend. „In Russland haben wir das aber!” Naja, das mag ja sein, aber nicht jedes Arzneimittel ist eben in jedem Land verfügbar. „Gibt es denn nichts Vergleichbares?“, will sie wissen. „In der Kombination nicht, aber Hydrochlorothiazid gibt es alleine und in Kombination mit anderen Mitteln, zum Beispiel Ramipril. „Wirkt es genauso gut?“ „Kommt auf Indikation, Unverträglichkeiten etc. an. Je nachdem gegen was es eingesetzt werden soll. Es wirkt im Allgemeinen blutdrucksenkend.“

„Gut, dann geben Sie mir das. Wie gesagt, es ist ein Notfall. Sie braucht für morgen früh eine Tablette.“ Wie es der Redefluss manchmal so hergibt, vergaß ich das entscheidende Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen – vor allem im Notdienst zur späten Stunde. Das war der Fall: „Tut mir Leid, aber die Tabletten sind rezeptpflichtig. Sie brauchen eine Verordnung vom Arzt“. So sind nun mal die Regeln... Ich habe ihr die Nummer des Bereitschaftsdienstes mitgegeben. Sie entfernte sich von der Apotheke – enttäuscht, aber nicht unfreundlich.