Raubserie

Berliner Apothekenräuber: „Ich konnte Ihre Angst sehen“ Tobias Lau, 19.02.2019 15:28 Uhr

In tagesklinischer Behandlung habe er Tabletten bekommen, die ihm „Aufwind“ gaben, wie er es ausdrückt. Sein Leben ganz in den Griff habe er dennoch nicht bekommen. Er habe nicht gewusst, was er mit sich anfangen soll. Auch ein freiwilliges soziales Jahr habe ihm nicht aufgezeigt, was er beruflich machen will. Dazwischen war er immer wieder wegen seiner psychischen Probleme in Behandlung. „Aber trotz all dieser Probleme haben Sie ja vorher nie Straftaten begangen“, wendet der Richter ein. Das stimmt, doch irgendwann kam die Spielsucht hinzu. Das Zocken am Automaten sei für ihn ein „extremer Ausgleich gewesen“, schildert er. „Wenn ich gespielt habe, war alles andere egal.“ Doch der Preis dafür war zu hoch, wie sich herausstellte. „Das war der Auslöser, dass finanziell so viel kaputt ging.“

Der Tiefpunkt ist 2018 erreicht. Nach einem Jahr geht die Beziehung zu seiner Freundin kaputt, einer 31-jährigen Lehrerin. Er hatte ihr Geld geklaut, um es zu verzocken. „Nach der Trennung war für mich dann alles vorbei“, erinnert er sich. Daraufhin lässt M. sich gehen, erscheint nicht mehr zur Arbeit, wird letztendlich gekündigt, zahlt keine Miete mehr. Nicht einmal zum Jobcenter sei er gegangen, das hätte ihm „eh nichts mehr gebracht“, wie er es ausdrückt. „Irgendwann lag ich dann auf dem Bett und hatte seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Da fiel die Entscheidung.“ Aber wieso ausgerechnet Apotheken? M. überlegt sichtlich angestrengt, kann die Frage des Richters aber nicht beantworten. „Ich weiß nicht mehr, warum“, sagt er. „Es hätten auch Reisebüros sein können.“ Wahrscheinlich, so mutmaßt er über sich selbst, sei ihm die Idee gekommen, weil er in Ahrensfelde regelmäßig Plasma spenden ging und direkt neben der Station eine Apotheke ist.

Die Tatwaffe habe er sich nicht extra besorgt, sie habe noch vom Vormieter seiner Wohnung im Keller rumgelegen. Und so zog er am Abend des 9. Oktober 2018 mit dem Mut der Verzweiflung los, um seine erste Apotheke zu überfallen. Ganz so kaltblütig, wie er auf seine Opfer wirkte, sei er dabei aber nicht gewesen – er habe große Angst gehabt, geschwitzt und gezittert. „Ich stand ewig vor der ersten Apotheke und habe mich selbst gefragt: Was machst du hier eigentlich?“ Das habe sich auch bei den folgenden Raubüberfällen nicht geändert. Zwei bis drei Stunden habe er teilweise vor den Apotheken verbracht und sich dabei nach eigenen Angaben mit „zwei bis vier Bier und manchmal Goldkrone mit Cola“ Mut angetrunken. „Letztendlich habe ich mir dann aber immer gesagt: Was hast du denn noch zu verlieren?“

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