Versorgungsplattform

Streit mit Facebook und Google: Vitabook ist insolvent Tobias Lau, 11.11.2020 10:15 Uhr

Markus Bönig ist mit Vitabook gescheitert. Foto: Ordermed
Berlin - 

Zahlreiche Vitabook-Kunden wunderten und ärgerten sich in den zurückliegenden Wochen über das Gebaren der Versorgungsplattform: Den Apotheken wurde der Preis pro Transaktion schlagartig vervierfacht, Alten- und Pflegeheimen wurden Versorgunsforschungsverträge des Anbieters CliniGo vorgelegt, mit denen sie nicht viel anfangen konnten – und dann war ganz Ruhe. Gerüchte machten die Runde, CliniGo habe Vitabook übernommen und wolle die Heime zu einer Versandapotheke drängen. Die Wahrheit ist komplexer und bitterer: Facebook und Google haben das Portal mit Rechtsstreitigkeiten in die Knie gezwungen. Vitabook ist insolvent.

Markus Bönig ist äußerst umtriebig und hat die letzten zehn Jahre mit seinen Projekten einigen Staub in der Branche aufgewirbelt: Früh zählte er zu denjenigen, die die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Geschäftsmodell entdeckten. Schon 2011 gründete er das Bestellportal Ordermed und gehörte damit zu den Branchenpionieren. Es folgten Aponow, KlickA und die App „Patient.Plus“, schließlich ging alles in Vitabook auf. Die Plattform war vor allem in der Heimversorgung präsent: Sie stellte das Bindeglied zwischen Pflegeeinrichtung und Apotheke dar, über das Arzneimittelnachbestellungen abgewickelt wurden.

Doch in den vergangenen Monaten fühlten sich einige Kunden vor den Kopf gestoßen: „Ich erhielt einen Anruf, dass man mir einen neuen Vertrag zuschicken würde. Es gebe da einen Namenswechsel und einen neuen Betreiber“, erzählt ein Pflegedienstleiter aus Nordrhein-Westfalen, der nicht namentlich genannt werden möchte. An einem Freitagnachmittag habe er den Vertrag dann bekommen – und im Anhang einen sogenannten Versorgungsforschungsvertrag, mit dem er erst einmal nicht viel anfangen konnte. „Da sollten wir dann unterschreiben, dass wir Diagnosen und Vitalwerte übermitteln. Das konnte ich nicht so einfach zwischen Tür und Angel an einem Freitagnachmittag entscheiden, also konnte ich den Vertrag nicht unterschreiben.“

Also versuchte er, sich an CliniGo zu wenden, und scheiterte. „Freitag habe ich den Vertrag erhalten und dann bis Mittwoch niemanden bei CliniGo erreicht.“ Das größte Problem dabei: Bereits einen Tag vorher wurde dem Heim der Hahn zugedreht. „Schon am Dienstag wurden wir vom System abgehängt. Wir kamen mit unseren Zugangsdaten nicht mehr ins Portal und mussten dann von einem Tag auf den anderen unser gesamtes Bestellwesen überarbeiten. Wir müssen jetzt wieder alles handschriftlich machen und die Bestellungen an die Ärzte schicken.“

Keine neuen Verträge, sondern direkt neue Preise erhielten wiederum heimversorgende Apotheken: Im September wurden die Gebühren pro Transaktion von 50 Cent auf 1,99 Euro fast vervierfacht – nach Angaben eines betroffenen Apothekers, ohne dass er vorher informiert worden war. Auch er habe niemanden erreicht, wendete sich also an den Pflegedienstleiter eines der Heime, die er versorgt – und erfuhr dort, dem sei am Telefon gesagt worden, dass die Versorgung künftig über eine Versandapotheke aus Leipzig erfolge, falls die Apotheken die neuen Konditionen nicht mittragen. „Da fühlt man sich ein bisschen verraten, schließlich haben die immer so getan, als würden sie die Vor-Ort-Apotheken stärken wollen“, sagt der Inhaber, der ebenfalls anonym bleiben möchte.

Der Pflegedienstleiter bestätigt das auf Anfrage. „Ich habe das Gefühl, durch den Preis wollen die die Apotheken rausdrängen und die Kunden zu der Versandapotheke schieben“, sagt er. Das komme für ihn jedoch nicht in Frage. „Wir haben seit 20 Jahren ein gutes Verhältnis zu den vier Apotheken hier in der Nähe und werden im Notfall zu jeder Tageszeit versorgt. Das kann eine Versandapotheke nicht leisten.“ Warum sich überhaupt das Unternehmen CliniGo an das Heim gewendet hat, erkläre sich ihm bis jetzt nicht: „Das Prinzip von Ordermed war gut, aber was CliniGo da macht, geht gar nicht“, sagt er.

Laut Vitabook handelt es sich in beiden Fällen um Missverständnisse, die der aktuellen Situation geschuldet sind: So überraschend seien die Preiserhöhungen nämlich gar nicht gekommen. „Wir hatten die Preiserhöhungen bereits zum 1. September angekündigt und dann ab dem 1. Oktober die Konditionen angepasst. Allerdings haben wir das auch nicht bei allen getan, sondern sind sehr differenziert vorgegangen. Mit manchen haben wir vorab telefoniert, andere haben wir angeschrieben“, erklärt Bönig. Zuvor habe es acht Jahre lang keine Anpassung gegeben, obwohl diese Möglichkeit vertraglich festgeschrieben sei.

Doch wieso wendet sich dann CliniGo an die Heime und unterbreitet neue Verträge? Weil Vitabook seine eigene Plattform schon seit längerem nicht mehr allein in der Hand hatte: Bereits 2017 habe Vitabook Teile seiner Software mit einem Sell-and-Lease-Back-Vertrag veräußert. Um Liquidität zu gewinnen, hat Vitabook die Ordermed-Software an eine Leasingfirma verkauft und sie dann dort Monat für Monat gemietet. Von dieser Gesellschaft wiederum habe sie dann CliniGo gekauft – und dann vor kurzem den vergeblichen Versuch unternommen, den Vitabook-Dienst zu retten.

Denn Bönigs Unternehmen ist zwischenzeitlich in die Knie gegangen, bezwungen von niemand geringerem als Facebook und Google. Seinen Anfang nahm das bereits vor knapp fünf Jahren: Das soziale Netzwerk sah im Corporate Design von Vitabook – blaue Schrift und Logo in Kombination mit der Endung -book und einem Schrifttyp, der durchaus an den von Facebook erinnert – eine Verletzung seines Trademarks und ging vor dem Europäischen Patentgericht dagegen vor. Erfolgreich: Seit dem 1. November sei Vitabook die Verwendung sämtlicher grafischer Komponenten untersagt, nur die reine Wortmarke weiter erlaubt, erklärt Bönig. Für ein mittelständisches Unternehmen wie Vitabook sei das mit enormen Investitionen verbunden: „Wir haben das Logo überall, auf allen Seiten, in allen Apps und sonstigen Angeboten. Das alles ändern zu lassen, wäre für unsere ganze IT ein Aufwand von zwei Monaten.“ Doch die Kapazitäten dafür hatte das Unternehmen längst nicht mehr. Denn er zweite Sargnagel war ausgerechnet ein gewonnener Rechtsstreit mit Google.

Denn der Suchmaschinenriese hatte im April die App „Patient.Plus“ aus einem App-Store geworfen. Die war das Bindeglied zwischen Heilberuflern untereinander und mit den Patienten. Genutzt wurde sie unter anderem vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, vom neurologischen und psychiatrischen Ärztenetzwerk NeuroTransData und von Mitgliedern des Bundesverbands der Pneumologen (BdP). Mit Beginn der Covid-19-Pandemie hatte Bönig sie um ein sogenanntes Quarantäne-Monitoring aktualisiert und damit Google auf den Plan gerufen. „Wir erlauben keine Anwendungen, denen es an vernünftiger Sensibilität gegenüber [...] einem anderen tragischen Ereignis mangelt oder die daraus Kapital schlagen“, so der Tech-Konzern, der die App kurzerhand rauswarf. Dass es sich um eine Gesundheitsanwendung handelt, die einen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten soll, fiel dabei hinten runter.

Also wehrte sich Bönig gerichtlich und gewann. Doch es war ein Pyrrhus-Sieg. Zwar konnte Vitabook am Oberlandesgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen Google erwirken, „aber die sitzen ja in Irland und aufgrund der Coronakrise hat es allein zwei Monate gedauert, bis die zugestellt wurde. Erst ab dann ist sie wirksam“, sagt Bönig. Die Folge: Patient.Plus war insgesamt vier Monate aus dem Appstore verschwunden. „So lange komplett abgeschnitten zu sein, war fatal für uns.“ Bönig hatte sich zwar bereits juristischen Beistand von Anwalt Dr. Lukas Kalkbrenner geholt – eine Forderung von 600.000 Euro Schadenersatz in einem Hauptsacheverfahren liege schon fertig vorbereit in der Schublade, sagt er – doch bereits Anfang Oktober war die Schuldenlast zu hoch und Vitabook nicht mehr zahlungsfähig. Am 22. Oktober stellte er Insolvenzantrag. „Ob das Hauptsacheverfahren nun noch angestrengt wird, muss der Insolvenzverwalter entscheiden. Er kann das machen, muss es aber nicht“, erklärt Bönig.

Vor diesem Hintergrund sei auch die Vervierfachung der Transaktionsgebühren für die Apotheken zu sehen. „Natürlich war das ein Versuch, die drohende Insolvenz noch abzuwenden“, räumt Bönig ein. „Und wenn der Dienst den Apothekern diesen Preis nicht wert ist, dann ist das schade. Aber dann ist das halt so.“ Einen Wert hätten aber insbesondere die Pflegeheime in Ordermed gesehen, von dort seien nämlich Anfragen gekommen, ob man den Dienst nicht doch noch irgendwie weiterführen könne. Hier kam CliniGo ins Spiel. „Wir haben dann den Versuch gestartet, Ordermed weiter zu betreiben“, sagt Geschäftsführer Thomas Engels – deshalb die neuen Verträge.

Den Vorwurf, den Pflegeheimen mit dem Versorgungsforschungsvertrag, die Pistole auf die Brust gesetzt zu haben, weist er jedoch zurück: „Dabei ging es lediglich darum, die Medikamentenversorgung zu erforschen und es hätte auch ein Dokumentationshonorar gegeben. Die Teilnahme wäre aber freiwillig gewesen, den Vertrag zu unterschreiben, war keine Voraussetzung.“ Auch die Ankündigung, Rezepte an eine Versandapotheke zu schicken, sei ein Missverständnis: Es sei lediglich darum gegangen, dass Apo-Discounter einspringe, falls die bisher versorgenden Vor-Ort-Apotheken die neuen Konditionen nicht tragen.

Forschungsvertrag hin, Versandapotheke her: Die Sache ist eh hinfällig, da sich Engels schon nach wenigen Tagen entschied, den Versuch sein zu lassen. „Wir haben uns recht schnell wieder dagegen entschieden, denn die Zahlungsbereitschaft war offensichtlich nicht da, und es wäre nicht lukrativ, weil die Investitionen in Entwicklung und Personal zu hoch wären.“ Wie es mit Vitabook weitergeht, steht demnach in den Sternen. Es könne natürlich sein, dass jemand das Unternehmen, seine Software oder Teile davon kauft und das Geschäft weiterführt, eine Abwicklung sei aber ebenso möglich. Anfang Dezember beginnt das Insolvenzverfahren.

Bönig sieht durch das Verschwinden seines einstigen Vorzeigeprojektes eine Lücke entstehen. „Vitabook hat für zehntausende Patienten die Arzneimittelbestellung ermöglicht. Es ist schade, dass ausgerechnet in der Coronakrise wegfällt, wo es doch so nötig wäre“, sagt er. „Das E-Rezept wird uns nicht ersetzen, denn dazu braucht man eine Gematik-App, die aber nicht mandantenfähig ist. Das wurde bisher schlicht vergessen. Das E-Rezept muss deshalb ausgedruckt und wie ein normales Papierrezept bewegt werden.“ Das klingt, als ob Bönig bereits die nächste Geschäftsidee hätte. Was nach Vitabook kommt, da will er sich allerdings noch nicht in die Karten schauen lassen: „Natürlich wird es irgendwie weitergehen. Aber ich kann das noch nicht schildern, das hängt auch sehr davon ab, was der Insolvenzverwalter tut und wie die Reaktionen in den kommenden Tagen ausfallen.“