Zolgensma

Novartis: Ärger wegen manipulierter Daten Tobias Lau, 07.08.2019 10:03 Uhr

Novartis hat Ärger mit der US-Arzneimittelbehörde FDA: Daten aus einem Lizenzantrag für die Gentherapie Zolgensma sollen manipuliert gewesen sein. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin - 

Novartis hat Ärger wegen mutmaßlich manipulierter Studiendaten zu seiner Gentherapie Zolgensma (Onasemnogen Abeparvovec). Die US-Arzneimittelbehörde FDA droht dem Konzern mit zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen, betont aber, dass das Wirkprofil des Mittels gegen eine schwere Form der spinalen Muskelatropie von den Unregelmäßigkeiten nicht betroffen sei. Zolgensma ist mit einem Preis von knapp zwei Millionen Euro das teuerste Arzneimittel der Welt.

Die FDA hatte Zolgensma am 24. Mai zugelassen. Gut einen Monat später, am 28. Juni, hatte die US-Konzerntochter Avexis der Aufsichtsbehörde mitgeteilt, dass es Unregelmäßigkeiten bei bestimmten Daten aus Produkttests an Tieren gebe, die Avexis im Rahmen des biologischen Zulassungsantrags (BLA) durchgeführt hatte. Die FDA spricht von „Manipulationen“, gibt jedoch keine weiteren Informationen zu deren Art und Umfang.

Doch ganz so aufrichtig scheint sich Avexis nicht verhalten zu haben: Die FDA hat nach eigenen Angaben Belege dafür, dass das Unternehmen bereits vor der Zulassung im Mai Kenntnis von den Manipulationen hatte. „Wir haben Kenntnis davon, dass Avexis bereits von den Manipulationen, die die Ungenauigkeiten in ihrer BLA verursacht haben, wusste, bevor die FDA das Produkt zugelassen hat, die FDA aber nicht darüber informiert hat, bis die Zulassung erfolgte“, schreibt die Behörde. Sie werde deshalb „ihre vollen Befugnisse“ nutzen und gegebenenfalls auch straf- oder zivilrechtliche Schritte ergreifen.

Allerdings sei die Effektivität und Sicherheit der Therapie davon nicht betroffen. Die FDA ist nach eigenen Angaben „weiterhin überzeugt, dass Zolgensma auf dem Markt bleiben sollte“. Die Bedenken seien lediglich auf einen kleinen Teil der Daten aus einer großen Masse an eingereichten Informationen, die die Agentur bewertet hat, begrenzt und betreffen lediglich den Antrag auf eine Vermarktungslizenz. „Diese Daten ändern nichts an der positiven Bewertung der Ergebnisse aus den klinischen Studien mit Menschen, die als Teil des Entwicklungsprozesses stattfanden“, so die FDA.

Darauf verweist auch Novartis in einer Stellungnahme zu dem Fall. Die Therapie sei weiter sicher und effektiv. „Die fragwürdigen Bestandteile wurde für anfängliche Produkttests genutzt, nicht für die kommerzielle Vermarktung“, so Novartis. Es handele sich dabei um „ein älteres Verfahren, das nicht weiter angewendet wird“. Die Verzögerung bei der Meldung der Manipulationen an die FDA sei dadurch zustande gekommen, dass erst eine interne Untersuchung durchgeführt worden sei. „Sobald wir von unseren Ermittlern einen Zwischenstand erhalten hatten, haben wir die Ergebnisse der FDA mitgeteilt.“ Avexis beteuert, bei der Aufklärung des Sachverhalts eng mit der FDA zusammenarbeiten zu wollen und seinen BLA-Antrag entsprechend zu aktualisieren.

Zolgensma ist das teuerste Medikament, das die FDA jemals zugelassen hat. Es darf bei Kindern bis zwei Jahren angewendet werden, die an einer besonders schweren Form von spinaler Muskelatrophie leiden. Beim sogenannten Typ 1 können die betroffenen Kinder häufig nicht sitzen oder den Kopf halten. Sie sterben meist schon vor dem zweiten Lebensjahr. Nach Angaben von Novartis kommt etwa eins von 10.000 Kindern mit einer Spinalen Muskelatrophie auf die Welt.

Bei der Gentherapie Zolgensma bekommen die Patienten einmalig funktionsfähige Kopien des Gens SMN-1. Dieses bildet ein Eiweiß, das für den Erhalt sogenannter Motoneuronen nötig ist, und bei Kindern mit spinaler Muskelatrophie defekt ist. Motoneuronen steuern die Bewegungen von Muskeln. In klinischen Tests mit Zolgensma haben Patienten Besserungen gezeigt, die im normalen Krankheitsverlauf nicht zu erwarten seien. So hätten 13 von 21 Kindern, die vor dem sechsten Lebensmonat behandelt worden waren, bis zum Alter von 14 Monaten keine permanente Atemtherapie benötigt. Zehn hätten gelernt, zumindest kurzzeitig selbstständig zu sitzen. Den hohen Preis begründet Novartis auch damit, dass die Therapie lebenslange Behandlungen unnötig machen kann.