Norwegen

Ketten verschweigen günstige Generika APOTHEKE ADHOC, 06.10.2010 08:49 Uhr

Berlin -

In Norwegen stehen die drei marktbeherrschenden Apothekenketten in der Kritik, an ihre Kunden nicht die preisgünstigsten Generika abzugeben. Der britische Hersteller Arrow, ein Tochterunternehmen des US-Konzerns Watson, hat sich bei der norwegischen Arzneimittelaufsicht beschwert: Seine Präparate seien zwar in einigen inhabergeführten Apotheken, nicht aber in den Filialen von Apotek1 (Phoenix), Vitusapotek (Celesio) und Alliance Apotek (Alliance Boots) erhältlich. Die Behörde streitet jetzt mit den Ketten über die Auslegung der gesetzlichen Vorschriften.

In Norwegen bestimmt die Arzneimittelaufsicht die Erstattungshöchstpreise für verschreibungspflichtige Medikamente; die Generikapreise landeten entsprechend bislang immer auf diesem Niveau. Nach der Anmeldung des Listenpreises verhandeln die Hersteller in der Regel mit den vertikalisierten Pharmahändlern über die Konditionen für die Listung ihrer Präparate. Wer den Zuschlag erhält, landet in der Apotheken-Software, die den Mitarbeitern in den Filialen die Auswahl vorgibt.

Kunden unterschiedlicher Apothekenketten erhielten so bislang unterschiedliche Präparate - aber zum selben Preis und zur selben Zuzahlung. Anders ausgedrückt: Von den Preisnachlässen profitierten nicht die Versicherten, sondern die Pharmahändler.

Im Frühjahr senkte Arrow erstmals die Preise für seine Medikamente mit den Wirkstoffen Alendronat, Latanoprost und Tamsulosin unter das Erstattungsniveau und ist seitdem günstigster Anbieter. Trotzdem hatte bei einer stichprobenartigen Kontrolle durch die Arzneimittelaufsicht keine Filiale der Ketten die Arrow-Produkte vorrätig. Eine Überprüfung der zugehörigen Großhändler kam zu ähnlichen Ergebnissen: Obwohl Vollsortimenter in Norwegen grundsätzlich alle zugelassenen Arzneimittel vorrätig haben müssen, führte nur die Celesio-Tochter NMD die Arrow-Präparate.


„Mit den niedrigeren Preisen wollte der Hersteller eigentlich den Einstieg in den Markt schaffen“, sagt Elisabeth Bryn, Leiterin der Abteilung Pharmaökonomie bei der Arzneimittelaufsicht. Dass die Nachfrage seitens der Ketten ausgeblieben ist, führt man bei Arrow auf den Systemfehler zurück: „Die Apotheken haben offenbar kein Interesse daran, unsere günstigeren Medikamente zu verkaufen“, sagte ein Firmensprecher gegenüber APOTHEKE ADHOC.

Nun streitet die Arzneimittelaufsicht mit den Ketten über die Auslegung der Vorschriften: Demnach seien die Apotheken verpflichtet, Patienten über günstigere Arzneimittel - und damit über geringere Zuzahlungen - zu informieren, argumentiert die Behörde. Die Ketten dagegen vertreten die Ansicht, dass es ausreiche, den Kunden Generika zum staatlich festgelegten Höchstpreis anzubieten. „Die Einführung eines neuen Preises unterhalb der Erstattungshöchstpreise bedroht das gesamte System“, sagte ein Sprecher des norwegischen Apothekenverbandes.

Zur Klärung hat sich die Behörde nun an das Gesundheitsministerium gewandt: Dort soll man erklären, wie das geltende Recht auszulegen ist, und prüfen, ob und wie das bestehende Generikapreismodell geändert werden soll. Einer von mehreren Vorschlägen, die die Behörde vorträgt, stammt vom norwegischen Generikaverband: Demnach sollen künftig nur die Kosten des günstigsten Präparats übernommen werden.

Allerdings befürchtet Bryn Lieferschwierigkeiten für die Apotheken und häufige Medikamentenwechsel für die Patienten. Die Arzneimittelaufsicht selbst hat daher keine der vorgestellten Optionen empfohlen.

Zurzeit beschäftigt man sich in Oslo mit den Vorschlägen. Mit einer Antwort an die Arzneimittelaufsicht sei in wenigen Wochen zu rechnen, sagte ein Ministeriumsprecher auf Nachfrage.

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