E-Rezept: Vollgas gegen die Wand

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Berlin -

Es wirkt, als fahre das Gesundheitswesen mit dem E-Rezept sehenden Auges auf eine Wand zu – aber niemand ist da, der das Lenkrad noch rumreißen kann. Den Ärzten konnte man noch mangelnde Bereitschaft unterstellen, aber das Aufbegehren der anderen Leistungserbringer ist eine ganz offensichtliche Verzweiflungstat. Allerdings kam die zu spät, kommentiert Tobias Lau.

Dass Apotheker, Ärzte, Zahnärzte und Kliniken in der Gesundheitspolitik derart entschieden an einem Strang ziehen, ist etwas Besonderes. Besonders sind allerdings auch die Umstände: Gut vier Wochen sind es noch bis zur gesetzlichen E-Rezept-Einführung und das Land steckt mitten in der bisher schlimmsten Pandemiewelle. Es gibt einige Probleme, die gerade weitaus drängender erscheinen als die Einführung elektronischer Verordnungen. Doch dabei dürfte die Praxisferne der meisten Gesundheitspolitiker nicht gerade dazu beitragen, den Ernst der Lage zu erkennen. Dass die Gematik-Gesellschafter einen derartigen Affront begehen, ist deshalb insbesondere als Weckruf an die Gesundheitspolitik zu verstehen, endlich zu handeln.

Von der jetzigen Ressortleitung haben sie dabei offensichtlich nichts mehr zu erwarten. Das Bundesgesundheitsministerium hat sich in der Gesellschafterversammlung der Gematik scheinbar taub gegenüber allen fachlichen Einwänden gezeigt. Dass die Spitzenverbände nun die Indiskretion begehen, Inhalte aus den Versammlungen öffentlich zu machen, zeigt, wie zerrüttet das Verhältnis mittlerweile sein muss.

Und die Gematik? Die mauert weiterhin und widerspricht ihren Gesellschaftern. „Festzuhalten ist: Die E-Rezept-Tests sind aussagekräftig“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. „Denn die Abläufe des E-Rezepts wurden in verschiedenen Szenarien und mit den unterschiedlichen Komponenten und Beteiligten getestet.“ Fragen zu den Mengengerüsten, zur Zahl der verarbeiteten E-Rezepte lässt sie genauso unbeantwortet wie Fragen zu jenen Gesellschafterversammlungen, in der das BMG seine Entscheidungen gegen die fachlichen Einwände der Leistungserbringer durchgedrückt haben soll. Die Botschaft ist eindeutig: Das E-Rezept wird im Arkanbereich der Regierungspolitik entwickelt. Öffentliche Transparenz wird nicht hergestellt. Die Gematik verhält sich damit wie ein Privatunternehmen, das über eine Neuentwicklung den Mantel der Geheimhaltung hüllt.

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