Aufhebung der Priorisierung

FDP lobt Freigabe, Länder lehnen ab dpa, 22.04.2021 14:47 Uhr

Impfstoff für alle? Einige Bundesländer preschen vor und geben AstraZeneca frei, andere warten noch ab. Foto: shutterstock.com/Ascannio
Berlin - 

Während Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Bayern den Impfstoff von AstraZeneca freigegeben haben, halten Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Thüringen und Brandenburg an der Priorisierung fest.

Zustimmung für den Vorstoß in den vier Ländern kommt von der FDP. „Die Aufhebung der Impfpriorisierung für den Impfstoff von AstraZeneca ist der richtige Schritt. Es darf kein Impfstoff liegen bleiben“, so die gesundheitspolitische Sprecherin Christine Aschenberg-Dugnus. „Wer sich freiwillig mit AstraZeneca impfen lassen möchte, dem sollte dies bundesweit möglich sein. Denn jeder Geimpfte leistet einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Virus.“

Der Impfstoff habe eine ordentliche EU-Zulassung und sei sicher und wirksam. „Unsere niedergelassenen Ärzte kennen ihre Patienten am besten und können wertvolle Aufklärungsarbeit leisten sowie mögliche Vorurteile abbauen. Bund und Länder müssen nun bei ihrem Treffen am Montag sicherstellen, dass der Impfstoff in ganz Deutschland ohne Priorisierung verimpft werden kann. Damit zünden wir den Impfturbo. Die zu erwartenden Liefermengen in den nächsten Wochen lassen das zu.“

Doch in anderen Ländern sieht man das anders: Nordrhein-Westfalen will vorerst an der Impfreihenfolge für AstraZeneca festhalten. Noch gebe es im Land viele Menschen über 60 Jahren, die das Impfangebot gerne annähmen, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Donnerstag dem WDR. „Wenn AstraZeneca nicht mehr gewünscht wird, werden wir solche Überlegungen machen.“

Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte der Rheinischen Post, wenn in den Impfzentren Dosen übrig blieben, sollten diese „niedrigschwellig“ weitergegeben werden. „Sofern kleinere Mengen an Impfstoff am Ende einer Impfaktion übrig bleiben, sind die Impf-Teams angehalten, diese niedrigschwellig für Personen mit höchster Impfpriorität zu verwenden, entsprechend der in der Impfverordnung festgelegten Anspruchsberechtigten“, erläuterte sie.

Allerdings hat der Hausärzteverband NRW die Aufhebung der Impfreihenfolge bei AstraZeneca gefordert. „Jede Dosis muss schnell verimpft werden. Wenn wir jetzt Strecke machen wollen, müssen wir die Priorisierung aufheben – NRW sollte hier dem Beispiel anderer Länder folgen“, sagte der Vorsitzende Oliver Funken der Rheinischen Post.

Auch Baden-Württemberg will AstraZeneca weiterhin nicht wie andere Länder für alle Altersgruppen freigeben. „Auch wenn im Mai mit mehr Impfstoff zu rechnen ist, wird zunächst weiterhin ein Impfen nach der in der Corona-Impfverordnung des Bundes festgelegten Reihenfolge notwendig sein“, teilte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Donnerstag mit. „Perspektivisch, wenn gesichert mehr Impfstoff ins Land kommt, werden wir die Priorisierung aufheben können.“

Die Hamburger Gesundheitsbehörde sieht ebenfalls keinen Grund, die Priorisierung aufzuheben, die die Impfreihenfolge nach der
Schutzbedürftigkeit festlegt. Dazu sei die Verfügbarkeit des Impfstoffes noch zu gering. „Es ist nach wie vor nicht so, dass die Menge ausreicht, um den Bedarf zu decken“, sagte ein Sprecher. „Deshalb halten wir an der Priorisierung fest.“

Die CDU hatte die Aufhebung der Impfpriorisierung gefordert. „Impfen ist der Schlüssel zur Rückkehr zur Normalität und alles, was das Impfen beschleunigt, sollte auch getan werden“, sagte der Vorsitzende der Bürgerschaftsfraktion, Dennis Thering, am Donnerstag. „Nachdem gestern bereits erste Bundesländer entschieden haben, die Alters- und Impfpriorisierung für Astrazeneca aufzugeben, sollte auch Hamburg diesen Schritt jetzt umgehend gehen.“

Bei den Corona-Impfungen in den Impfzentren will Thüringen den Impfstoff nach Angaben des Gesundheitsministeriums vorerst ebenfalls nicht komplett freigeben. Für das Vakzin sei mit den über 60-Jährigen bereits ein Teil der Priorisierungsgruppe 3 geöffnet worden, sagte eine Ministeriumssprecherin am Donnerstag. „Solange wir sehen, dass es hier und in den höheren Altersgruppen dafür eine Nachfrage gibt, bleiben wir bei der bisherigen Reihenfolge.“

Im Land werden seit Mittwoch Termine für Impfungen mit AstraZeneca an den ersten beiden Mai-Wochenenden vergeben. Dabei
werden Vorräte des Vakzins geimpft, die ursprünglich für Zweitimpfungen bei jüngeren Menschen vorgesehen waren. Die für die Impfzentren und regionalen Impfstellen zuständige Kassenärztliche Vereinigung verwies darauf, dass noch zahlreiche Menschen aus den Priorisierungsgruppen 1 und 2, die für eine Impfung in Frage kommen, auf Termine warten. Zudem würden demnächst keine Astrazeneca-Vorräte mehr für die zentralen Anlaufstellen geliefert.

Brandenburg hält eine Freigabe des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca für alle ebenfalls nicht für sinnvoll. „Astrazeneca wurde in Brandenburg stets gut nachgefragt und wir haben alle aktuellen Bestände in die impfenden Arztpraxen gesteuert“, teilte der Sprecher des Innenministeriums, Martin Burmeister, am Donnerstag in Potsdam mit. Dort könnten sich alle über 60-Jährigen damit impfen lassen, rund 6000 Erstimpfungen pro Tag mit diesem Impfstoff gebe es in den Hausarztpraxen. Für dieses Tempo reiche der Bestand.

„Es wäre populistisch und unseriös, Astrazeneca darüber hinaus für alle freizugeben. Wir würden den Menschen damit eine Verfügbarkeit vorgaukeln, die es nicht gibt“, erläuterte Burmeister. Brandenburg werde Prioritätengruppen weiter in der Reihenfolge freigeben, in der sie von Corona-Infektionen bedroht seien.

Bei Menschen unter 60 Jahren ist jedoch nach Angaben der Gesundheitsministerien der Länder vor dem Spritzen eine ausführliche Beratung durch den Impfarzt notwendig. Wegen sehr seltener Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) soll das Präparat von Astrazeneca in Deutschland seit dem 31. März in der Regel nur noch bei Menschen ab 60 Jahren eingesetzt werden.