Kommentar

Heissa, was für ein Leben! Silvia Meixner, 06.06.2018 10:28 Uhr

Berlin - 

Traumberuf Vertretungsapotheker: Man kommt viel herum, lernt gut bezahlt die Apotheken des Landes kennen und trägt, zeitlich begrenzt, die Verantwortung. Doch niemals bis zur Schmerzgrenze. Und sind die Kollegen doof, was soll‘s? Es gibt so viele Kollegen zu entdecken. Doch der Job hat auch Schattenseiten, kommentiert Silvia Meixner.

Die Verantwortung eines Vertretungsapothekers endet pünktlich mit Dienstschluss. Wenn die Besitzerin abends über den Büchern sitzt, springt der Vertretungsapotheker noch mal in den See oder liest ein Buch. Heissa, was für ein Leben!

Der Fachkräftemangel hat den Berufszweig aufblühen lassen. Der Chef ärgert einen? Dann ein fröhliches „Adieu!“ in die Runde gerufen und flugs eine eigene „Bude“ aufgemacht. Eine fliegende Bude. Doch sie hat auch Schattenseiten: Die Stammkunden sind nicht die eigenen Stammkunden und reagieren zuweilen pikiert. „Wo ist denn heute der Apotheker? Ist die Apothekerin nicht da?“, fragen sie ungeniert.

Als ob man sich sein Wissen im Youtube-Weekend-Tutorial angeeignet hätte! Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, besonders, wenn es sich um heikle Themen wie Krankheiten oder auch nur Zipperlein handelt. Die bespricht man lieber mit jemandem, dessen Gesicht man in der Offizin schon gesehen hat. Nicht umsonst zählen Apotheker zu den Berufen, in das die Menschen besonders großes Vertrauen legen – in einschlägigen Umfragen landen die Pharmazeuten sogar regelmäßig noch vor den Ärzten.

Auch das Team kann einem Vertretungsapotheker Steine in den Weg legen. Wie ernst muss man einen Chef nehmen, der in einer Woche sowieso wieder über alle Berge ist? Wenn man seiner oder ihre Meinung ist, gut. Aber wenn nicht, kann man die Arbeitsanweisungen zwar nicht ignorieren, aber die Umsetzung ein bisschen hinauszögern. Das wird den Chef auf Zeit ärgern, aber was soll‘s…

Neben der Freiheit auf der Haben-Seite steht wie bei allen Freiberuflern auch das Risiko. Glücklich, wer als Vertretungs-Apotheker einen Stamm an Kunden hat, die immer wieder verlässlich anrufen. Denn die Kosten für Büro, Auto und Versicherungen (zum Beispiel eine ordentliche Kranken- und eine Berufsunfähigkeitversicherung) wollen jeden Monat bezahlt werden. Der Versicherung ist es egal, wenn es mal nicht so gut läuft. Die will ihr Geld sehen.

Gut abgesichert und mit guter Eigen-PR lässt es sich als Vertretungs-Apotheker gut leben. Wenn man das Modell mag, sich gern auf neue Menschen einlässt und fröhlich über den Tellerrand schaut. Gute Auftraggeber fragen dann gelegentlich, was dem Vertreter aufgefallen sei. Gibt es etwas zu verbessern? Was kann man von dem Wesen, das durch die Apothekenlandschaft reist, lernen? Heikle Themen sollte man allerdings nur auf Nachfrage anschneiden. Kein Auftraggeber hört gern, dass die Mitarbeiter am Rande des Nervenzusammenbruchs arbeiten und nur eines wollen: weg, in die Freiheit. Manchmal muss man als Vertretungs-Apotheker einfach diplomatisch schweigen können. Sonst ist es schnell vorbei mit dem Heissa-Leben.