Hilfsmittelverträge

Bürokratie: 30 km für eine Windelhose Tobias Lau, 17.06.2019 07:57 Uhr

Versorgung ohne Apotheken: Mit Erschrecken musste Inhabwr Dr. Andreas Onitschenko feststellen, dass in seiner Region weder Apotheken noch Sanitätshäuser Hilfsmittelverträge mit der Techniker Krankenkasse haben. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin - 

Die Bürokratie rund um die Abgabe von Hilfsmitteln treibt viele Apotheker regelmäßig in den Wahnsinn. Welche Auswirkungen sie auch auf die Versorgung der Patienten haben können, musste Dr. Andreas Onitschenko nun feststellen. Zwei Stammkunden konnte er nicht bedienen – sonst aber auch niemand in seiner Gegend. Die beiden müssen nun für ein paar Windelhosen entweder 30 Kilometer fahren oder mehrere Wochen auf sie warten.

„Mit den Hilfsmitteln hatten wir ja schon immer viel Bürokratie, aber solche Auswüchse wegen ein paar Windeln habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt Onitschenko frustriert. Am Dienstag kam ein Ehepaar, beide Stammkunden, zu ihm und reichte ein Rezept ein: Erstversorgung mit Inkontinenzmaterialien für ein Vierteljahr – so weit, so normal. Onitschenko, seit mehr als 23 Jahren Inhaber der Kreuz-Apotheke in Böhl-Iggelheim, ist weder LAV-Mitglied, noch hat er irgendwelche Hilfsmittelverträge mit den Kassen abgeschlossen. „Das rentiert sich nicht, da sind die Kosten doch höher als das, was es einbringen würde“, sagt er.

Dennoch kann er seinen Kunden oft behilflich sein: „Wenn ich das Rezept scanne, werden mir Vorschläge angezeigt, ich kann dann schauen, welche Verträge es da gibt und wie die Vertragspreise sind“, erklärt er. Den Kunden kann er dann wenigstens sagen, welche Produkte es gibt und wo sie sie bekommen können. Oft verweise er die Patienten dann an bekannte Kollegen im näheren Umfeld seiner Landapotheke.

Also stellte sich der promovierte Pharmazeut an den Rechner und scannte die Rezepte, um nachzuschauen. Und es passierte: nichts. Onitschenkos System zeigte ihm keine Produkte an, keine Anbieter, keine Verträge, nichts. Das machte ihn stutzig. „Ich habe dann mehrere weitere Windelhosen gesucht, aber es half nichts, bei der TK gab es keine“, sagt er. Also rief er die Servicenummer der Kasse an. Er gab die Versichertennummer durch und wollte sich sagen lassen, welche nahegelegene Apotheke Versorgungsverträge mit der TK hat. Antwort: keine. Und welches Sanitätshaus? Keines. „Die Dame am Telefon war recht freundlich, hat aber auf Anhieb auch nichts gewusst und war selbst perplex, dass es bei uns in der Gegend niemanden gibt.“

Am Telefon wurde Onitschenklo erklärt, die TK habe in der Region nur ihre speziellen Anbieter, die Versicherte müsse die Inkontinenzprodukte direkt bei denen kaufen. „Die Apotheken sind da bei der Versorgung komplett raus“, stellt Onitschenko fest. Und wo sitzt der nächste von diesen Anbietern? In Mannheim – 30 Kilometer entfernt. „Da hat die Kundin nur gesagt: ‚Was sollen wir denn jetzt machen? Wir können doch nicht nach Mannheim fahren!‘“, erinnert sich der Apotheker. Man könne ja bei den Anbietern bestellen, teilte die Kasse mit.

Das war allerdings auch einfacher gesagt als getan: „Ich habe sie dann gefragt, ob sie mit die Daten der Anbieter geben kann, damit wir uns an sie wenden.“ Antwort: „Das geht nicht.“ Stattdessen müsse eine Liste mit verfügbaren Produkten und Anwendern auf dem Postweg an die Versicherten geschickt werden. Die könnten dann Produkte aussuchen, ihre Rezepte einschicken und sich die Windelhosen dann liefern lassen. Für Onitschenko ein unhaltbarer Zustand. „Das dauert alles zusammen locker drei bis vier Wochen!“, erregt er sich. „Das habe ich bei noch keiner Krankenkasse erlebt.“

Ihm tue es besonders für die Patientin leid. „Erst war sie erstaunt, dass ich ihr nichts abgeben durfte, dann war sie nur noch entsetzt. Es ist immerhin ihre Erstversorgung.“ Für Onitschenko handelt es sich um ein Systemversagen. Von Hilfsmittelverträgen, Präqualifizierung und dergleichen halte er überhaupt nichts, sagt er. „Vor 20 Jahren konnte ich meine Patienten noch problemlos versorgen, das haben die alles kaputt gemacht!“ Wirklich weiterhelfen konnte er seinen beiden Stammkunden trotz all des Aufwands dennoch nicht. „Ich habe ihnen das erstmal die Rezepte mitgegeben und gesagt, sie sollen auf die Liste warten“, erklärt er. „Die kommen ja beide regelmäßig. Wenn sie das nächste mal da sind, muss ich eruieren, wie weit das Ganze mittlerweile ist.“