Kasse nimmt Apotheke in die Pflicht

Beschaffungskosten: Apotheker muss für Patienten geradestehen APOTHEKE ADHOC, 12.08.2020 10:00 Uhr

Freundlich, aber bestimmt fordert die AOK Nordwest also von Müller, er möge künftig eine Situation ändern, die ohne sein Zutun zustande kam. Ebenso freundlich, aber bestimmt ließ er die Kasse wissen, was er von dieser Bitte hält. „Herzlichen Dank für die Genehmigung, die ich – unter den oben genannten Kriterien – im Kern sogar für an sich überflüssig halte“, so der Apotheker. Die Bitte, künftig „von einem unwirtschaftlichen Beschaffungsweg abzusehen“, müsse er allerdings zurückweisen, denn: „Es ist meines Erachstens nicht und kann auch nicht Aufgabe der deutschen Apotheken sein, im Falle einer Verschreibung durch einen Vertragsarzt – insbesondere im Notdienst an einem Wochenende! – über die Eilbedürftigkeit der Versorgung und damit über die Eilbedürftigkeit der Besorgung zu befinden und zu entscheiden“, schreibt Müller.

Diese Aktivitäten lägen aus seiner Sicht ausschließlich beim Vertragsarzt. „Dieser hat gegebenenfalls die Aufgabe, im Sinne der Wirtschaftlichkeit den Patienten respektive wie im hier vorliegenden Fall bei einem Kind dessen Erziehungsverantwortliche entsprechend hinzuweisen.“ Denn letztendlich war es deren Handeln – beziehungsweise Nichthandeln –, dass die Situation herbeigeführt hat. Die einzige Alternative für den Apotheker wäre es gewesen, das Epilepsiemedikament für ein 13-jähriges Kind nicht abzugeben. „Eine Kostenbeteiligung der Eltern findet aber nicht statt“, sagt Müller. „Man könnte ja sagen, dass sie sich an den Kosten beteiligen müssen, aber das wären schon wieder Ahndungs- und Straffragen.“ Für sinnvoller würde er es halten, wenn stattdessen die Kasse solche Fälle mit den Versicherten klärt und sich unterstützend an sie wendet, falls es Zweifel daran gibt, dass sie ihren Elternpflichten ausreichend nachkommen.

Noch sinnvoller wäre es aber, wenn er als Apotheker einen solchen Antrag bei der Kasse erst gar nicht stellen müssten, findet Müller. „Für eine entsprechende aus meiner Sicht überfällige Änderung/Ergänzung des Rahmenvertrages (im Sinne Bürokratieabbau) schalte ich deshalb parallel den AVWL ein“, hat er deshalb der Kasse mitgeteilt. Er habe die Korrespondenz und sein Anliegen an den Verband geschickt in der Hoffnung, dass er das Thema bei den nächsten Rahmenvertragsverhandlungen auf den Tisch bringt. „Ich möchte keine wilden Beschaffungswege ermöglichen, aber man könnte doch in den Rahmenvertrag aufnehmen, dass solche Zusatzkosten im Notdienst automatisch übernommen werden“, sagt er.
„Uns Apotheken sollte doch eine gewisse Kompetenz zugesprochen werden, zu entscheiden, ob etwas notwendig ist oder nicht.“ Sich aus Prinzip mit der Kasse anzulegen, habe er hingegen nicht gewollt. „Das macht alles keine Freude, sondern Ärger. Aber wenn man es nicht macht, kriegt man eine Retax.“

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