Frischer Wind in Berlin-Mitte

Apotheke, Ahoi! Silvia Meixner, 19.01.2019 08:33 Uhr

Berlin - Tina Töllner ist Seglerin – die Liebe zur See bemerkt der Kunde sofort, wenn er ihre Apotheke in Berlin betritt. Die HV-Tische wirken, als wären sie, wuchtig und elegant zugleich, gerade von einer Design-Welle angeschwemmt worden. Bereit, jederzeit loszusegeln. Jetzt hat Töllner ihre zweite Apotheke eröffnet. Personalprobleme kennt sie nur vom Hörensagen.

Es hat sich nämlich herumgesprochen, dass es sich in der Nordland- und der neuen Feuerland-Apotheke gut arbeiten lässt. Anzeigen setzen, Mundpropaganda aktivieren, volle Segel voraus! Die Apothekerin hat stets mehr Bewerber als freie Arbeitsstellen. So macht Apotheke Freude.

Vor sechs Jahren eröffnete die gebürtige Cuxhavenerin ihre erste Apotheke in Berlin-Mitte. Gleich um die Ecke befindet sich eines der spannendsten architektonischen Viertel der Hauptstadt. Das alles dominierende Gebäude ist der Neubau des BND (Bundesnachrichtendienst). Es ist 283 Meter lang, 36 Fußballfelder groß und gleicht einer uneinnehmbaren Festung.

In der Umgebung sind in den vergangenen Jahren viele neue Gebäude entstanden und haben aus dem ehemaligen Viertel, das sich zu DDR-Zeiten in unmittelbarer Nähe zur Grenze und Todesstreifen befand, eine kleine Boomtown gemacht. Mit vielen Wohnungen und Geschäften. Das architektonisch auffälligste Gebäude stammt vom US-Star-Architekten Daniel Libeskind und ist der direkte Nachbar der neuen Apotheke. Im „Sapphire“ gibt es 72 Eigentumswohnungen, der Quadratmeter kostet hier bis zu 15.000 Euro. Im Neubau „The Mile“ entstanden in den vergangenen Jahren 270 Wohnungen, 400 sind es in den „Feuerlandhöfen“, 280 in „The Garden Living“.

Das Viertel war nicht immer hip, ganz im Gegenteil. Im 19. Jahrhundert nannten die Berliner es „Feuerland“, die Gegend war ein Industriegebiet, das den Menschen den Atem raubte. Nahe der königlichen Eisengießerei in der Invalidenstraße entstanden viele Metallindustriebetriebe, die Schmiedefeuer und qualmenden Schlote brachten dem Viertel den romantisch klingenden Namen ein. Doch romantisch war in Feuerland nichts, wohnen wollte hier damals kaum jemand.

Die U-Bahnstation Schwartzkopffstraße erinnert zum Beispiel an die im Jahr 1852 eröffnete Eisengießerei und Maschinenfabrik von Louis Schwartzkopff, die Werkstätten von August Borsig gingen bereits 1837 in Betrieb. Ab den 1880er-Jahren zogen die Betriebe dann weiter, an den Stadtrand Berlins.

Die Namen der beiden Apotheken erfreuen jeden Segler: „Nordland ist die oberste Spitze Norwegens, Feuerland liegt am südlichen Ende der Welt, in Patagonien“; sagt Töllner. Und in Berlin. Die Einrichtung ihrer Apotheken ist Töllner eine Herzensangelegenheit. „Es spielt eine wichtige Rolle, wo ich mich bewege und ob der Raum mich wiederkommen lässt.“ Das tun ihre Apotheken, man kommt gerne wieder.

Die Entscheidung, eine Filiale zu eröffnen, war vernünftig: „Es ist eine Sicherung für die Zukunft. Hätte sich der Standort nicht ergeben, hätte ich keine zweite Apotheke eröffnet“, sagt die 46-Jährige. Der neue Standort befindet sich in einem Wohngebäude, nebenan gibt es einen Drogeriemarkt, einen Bäcker und die Apotheke. „Im ersten Stock gibt es Gewerberäume, es ist ein großes Glück, dass sich Ärzte dort eingemietet haben. Es gibt einen Gynäkologen, einen Zahnarzt, einen Onkologen und ein Augenarzt kommt demnächst auch noch. Diese Entwicklung war anfangs nicht vorhersehbar.“

Für das Innendesign hat sie den renommierten Berliner Architekten Jörn Bathke engagiert, der bundesweit bereits viele Apotheken eingerichtet hat. Die Geschäftsphilosophie – „Der Kunde soll ehrlich und gut beraten werden und glücklich aus der Haustür treten“ – sollte sich auch in der Einrichtung wiederfinden. Rund 100.000 Euro hat sie in die neue Feuerland-Apotheke investiert. Sowohl Architekt als auch Apothekerin hatten „Lust auf Individuelles und Außergewöhnliches.“

Und da das Herzstück einer Apotheke der HV-Tisch ist, ist er in beiden Apotheken auf eine wunderbare Weise imposant: Es ist ein Holztisch aus Eiche geölt, in einem Stück. „Die Resonanz ist groß, die Kunden fassen die Tische gern an“, erzählt Töllner. „Oft wenden sie sich im Gehen noch einmal um und sagen, wie schön der Tisch ist, wollen wissen, wer ihn gemacht hat.“ Der HV-Tisch ist also das Wiedererkennungsmerkmal von Hauptapotheke und Filiale. Es sind Objekte, die man hier, wo Berlin so „Mitte“ ist, wie es nur sein kann, nicht erwartet. Das macht mit den Zauber aus.