Industrieapotheker

„Intrigen abzuwehren, gehört dazu“ Carolin Bauer, 07.09.2018 09:56 Uhr

Berlin - In großen Konzernen müssen Apotheker mit Führungspositionen mitunter moralische Aspekte hintenanstellen. Davon geht Dr. Christoph Küster aus, der mehr als 20 Jahre für die Industrie tätig ist. Der Apotheker war bei Salutas (Novartis), Boehringer-Ingelheim und Sanofi-Aventis beschäftigt. Zudem ist er Vorsitzender der Fachgruppe Industriepharmazie bei der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Er erklärt im Interview, welche Spannungsfelder es in der Industrie gibt und wie sich Vor-Ort-Apotheken als attraktiver Arbeitgeber behaupten könnten.

ADHOC: Warum wechseln Industrieapotheker trotz des schlechteren Gehaltes zurück in die Offizin?
KÜSTER: Das kann viele Gründe haben. Manche wollen selbstständig sein und in kleineren Teams arbeiten. In der Produktion hat eine Führungskraft schnell eine Personalverantwortung für 30 bis 40 Beschäftigte. Andere tun sich mit Konzernstrukturen schwer. Bei vielen liegt es auch an der Hierarchie-Ebene, in der sie sich nicht mehr wohl fühlen. Ich selbst habe die Industrie als Angestellter gerade verlassen, weil ich zwei Ebenen über meiner „politischen“ Kompetenz angelangt bin.

ADHOC: Das heißt?
KÜSTER: In großen Konzernen arbeitet das mittlere und obere Management nicht nur noch für das Unternehmen selbst, sondern auch sehr stark für die eigene Karriere. Das sieht man in der Pharmaindustrie, aber auch in anderen Bereichen. Denken sie an Volkswagen oder die Deutsche Bank. Ab einer bestimmten Position ist man sehr damit beschäftigt, Intrigen abzuwehren oder selbst zu spinnen, um voranzukommen. Weiter einen richtig guten Job zu machen, reicht irgendwann nicht mehr. Wer nicht mitmacht, hat es schwerer.

ADHOC: Apotheker brauchen in der Industrie also ein dickes Fell?
KÜSTER: Die Situation ist schwer vergleichbar. Die Apotheke vor Ort ist eingeschränkt, was das wirtschaftliche Optimierungspotenzial angeht. Das einzige, was der Leiter von seinen Mitarbeitern verlangen kann, um den Gewinn zu steigern, ist mit Nachdruck Zusatzverkäufe zu generieren. Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln kann man nichts optimieren. In der Industrie ist das anders. In den Bereichen, wo es um Investitionen in Millionenhöhe geht, werden Qualität und Effizienz permanent verglichen. In der Produktion gibt es für den Abteilungsleiter ständig Diskussionen um Nutzen und Kosten. Das kann man persönlich als unmoralisch empfinden.

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