Italien

Kein Preisvorteil durch Liberalisierung

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Berlin -

Geht es nach den Ökonomen, sollten Arzneimittel überall und durch jedermann verkauft werden dürfen. Ohne Abgabemonopol sinken die Preise, so die Annahme. Doch ausgerechnet in Italien, wo eine radikale Liberalisierung bevorsteht, haben Experten eine Studie vorgelegt, die das Gegenteil beweist: Nach der Zulassung der Parafarmacien sind laut Arzneimittelbehörde AIFA die OTC-Preise tendenziell stärker gestiegen als die Preise für vergleichbare Produkte in der Apotheke.

In Italien werden Arzneimittel in verschiedene Kategorien eingeordnet, die auch darüber entscheiden, wo die Präparate verkauft werden dürfen: Zur Liste C gehören sowohl rezeptpflichtige als auch rezeptfreie Arzneimittel, die von den Kassen nicht erstattet werden, die die Patienten also selbst bezahlen müssen. Die OTC-Medikamente werden auch in Parafarmacien verkauft, die Rx-Medikamente dagegen ausschließlich in den Apotheken. Die AIFA hat daher die Entwicklung der beiden Gruppen innerhalb der Kategorie für ihren Preisvergleich herangezogen.

Laut der Analyse ging der Verbrauch dieser Medikamente seit 2006 insgesamt um 11,5 Prozent zurück, die Kosten aber stiegen um 2,2 Prozent. 2006 gaben die Italiener insgesamt rund 5,2 Milliarden Euro für 610 Millionen Packungen der Liste C aus, 2013 waren es 5,3 Milliarden Euro für 540 Millionen Packungen – rund 0,2 Milliarden Euro mehr für 70 Millionen Packungen weniger.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem die OTC-Präparate: Während die italienischen Verbraucher 2006 für 311 Millionen Packungen noch 2,1 Milliarden Euro zahlten, gaben sie 2013 für nur 288 Millionen Packungen 2,3 Milliarden Euro aus – 9,7 Prozent mehr Geld für 7,4 Prozent weniger Packungen. Anders ausgedrückt: Der Durchschnittspreis pro Packung stieg von 6,73 Euro auf 7,98 Euro, was einer Verteuerung um 19 Prozent entspricht.

Der Preis der nicht erstattungsfähigen Rx-Arzneimittel stieg zwar ebenfalls, aber geringer: Während der Absatz von 299 auf 252 Millionen Packungen zurückging (minus 15,7 Prozent), sanken die Umsätze immerhin um 3 Prozent auf drei Milliarden Euro. Entsprechend stieg der Durchschnittspreis von 10,22 Euro auf 11,77 Euro – ein Plus von 15 Prozent.

Zieht man die Rx-Medikamente der Liste C als Vergleichsgröße heran, gibt es also keinen Preisvorteil, den die Entlassung der OTC-Medikamente aus der Apothekenpflicht gebracht hätte. Dass der Konsum trotz Zulassung der Parafarmacien und der Umklassifizierungen derart deutlich zurückgegangen ist, hängt Beobachtern zufolge mit der Wirtschaftskrise zusammen. Zur Klasse C gehören alle Beruhigungs- und Schlafmittel, die meisten Kontrazeptiva, fast alle Augentropfen sowie Schmerzmittel zur Akutbehandlung.

Seit 2006 gibt es in Italien OTC-Shops, sogenannte Parafarmacien. Mit der Entlassung aus der Apothekenpflicht sollten die Preise gesenkt und die Verfügbarkeit erhöht werden. 2012 legte die Technokraten-Regierung um den damaligen Ministerpräsidenten Mario Monti noch einmal nach und entließ 200 weitere Arzneimittel auf einen Schlag aus der Rezept- und aus der Apothekenpflicht.

In der Vergangenheit haben die Inhaber von Parafarmacien mehrfach versucht, sich auch den nicht erstattungsfähigen Rx-Markt einzuverleiben. Apotheker, die solche OTC-Shops in Mailand betreiben, hatten 2012 gegen die Regelung geklagt, nach der Rx-Medikamente aus der Liste C – anders als OTC-Medikamente aus derselben Kategorie – nach wie vor nur in Apotheken verkauft werden dürfen.

Im Dezember 2013 entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH) jedoch, dass diese auch weiterhin nur von Apotheken und nicht in OTC-Shops abgegeben werden – auch dann, wenn Patienten selbst für die Kosten aufkommen müssen. Damit wollten die Richter eine Unterwanderung der Regelungen für Apotheken umgehen.

Derzeit bangen die Apotheker im Land um ein anderes hohes Gut: Laut derzeitigem Stand könnte mit dem Wettbewerbsgesetz das Fremd- und Mehrbesitzverbot aufgehoben werden. Anders als bei der Zulassung der Parafarmacien im Jahr 2006 wird es allerdings womöglich keine größeren Protestaktionen geben. Die Apotheker hoffen, dass die Regierung von weniger einschneidenden Maßnahmen überzeugt werden kann, etwa einem Verbot des Betriebs von Apotheken durch Großhändler oder Hersteller oder eine Beschränkung des Mehrbesitzes auf bis zu vier Apotheken. Die Parafarmacien sind unzufrieden, weil die bei ihnen beschäftigten Apotheker auch weiterhin keine Rx-Medikamente abgeben sollen.

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