Schadenersatz als „irrsinnige Gefahr“

„Jede Beratung müsste dokumentiert werden“ Hagen Schulz, 30.10.2019 11:13 Uhr

Berlin - Das Oberlandesgericht (OLG) Innsbruck hat eine Apotheke wegen mangelhafter Beratung zu hohem Schadenersatz verdonnert. Der Frau war Paraffin ausgegeben worden; als sie es in ihrer Wohnung erhitzte, zog die Tirolerin sich durch ein Missgeschick schwerste Verbrennungen zu. Laut Gericht konnte die Apotheke nicht nachweisen, die Kundin ausreichend über die Gefahren des Paraffins aufgeklärt zu haben. Versicherungsexperte Michael Jeinsen mahnt Apotheker daher, Beratungsgespräche stets zu dokumentieren.

Grundsätzlich könne er den Unmut der Apotheker über das Urteil verstehen, so Jeinsen, der für das Service-Netzwerk für Pharmazeuten „Die Apothekerhelfer“ tätig ist. Der Knackpunkt sei, dass im Heilbereich die umgekehrte Beweispflicht gilt. Apotheker müssen also im Streitfall nachweisen, dass sie ihre Kunden ordnungsgemäß beraten haben. „Das birgt eine irrsinnige Gefahr“, so der Berliner Versicherungsmakler. Viele Richter hätten den Fall aus Österreich vermutlich anders bewertet, dennoch könne es immer passieren, dass der Apotheker in so einer Situation den Kürzeren zieht.

Immerhin: Zumindest finanziell komme für die Apotheke durch ein solches Urteil kein Schaden zustande. „Derartige Ansprüche sind mit allem Drum und Dran durch die Betriebshaftpflicht abgesichert. Das gilt auch für die Kosten für die Verteidigung und Folgeschäden“, erklärt Jeinsen. Michael Pfeiffer, Haftpflichtexperte bei PharmAssec, pflichtet Jeinsen bei: „Sollte ein Gericht in Deutschland ähnlich entscheiden, würden wir den Schaden einschließlich eines zugesprochenen Schmerzensgeldes übernehmen.“ Lediglich das Problem der Rufschädigung lasse sich durch die Versicherung nicht lösen. „Sowas ist nicht ersetzbar. Das zeigt ja auch der aktuelle Fall in Köln“, so Jeinsen mit Verweis auf die Geschehnisse um eine verunreinigte Glukose-Mischung.

Wichtig sei, bei der Betriebshaftpflicht eine ausreichend große Schadenssumme zu versichern. „Es sollten mindestens fünf, besser aber zehn Millionen Euro vereinbart werden“, rät der Versicherungsmakler. Personenschäden erreichten schnell hohe Summen. Gerade wenn, wie im Fall in Tirol, die Apotheke auch für Folgeschäden aufkommen muss, könnten die Kosten in ungeahnte Höhen steigen. Hier mahnt der Versicherungsexperte zu mehr Bewusstsein in der Branche: „Viele Apotheker wissen nicht um das Risiko.“

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