Apothekerin muss nach zwölf Jahren schließen

„Ich habe versagt“ Silvia Meixner, 30.11.2018 09:41 Uhr

Berlin - Anfangs lief die Apotheke gut, später schlechter, irgendwann gar nicht mehr. Den Todesstoß gab ihr der heiße Sommer. Die Kunden blieben mehr und mehr aus. Da stand für Apothekerin Dorothea P. fest: Das war‘s. Die seit 150 Jahren existierende Offizin hat sie gerade für immer geschlossen.

An der Tür der Apotheke hängt ein Zettel: „Vielen Dank für Ihre Treue über all die Jahre!“ Viele Kunden klopfen erstaunt an die Scheibe. Drinnen räumt die Apothekerin gerade die Einrichtung aus. Die Kunden können gar nicht glauben, dass „ihre“ Apotheke nie wieder aufschließen wird. „Eine alte Dame, die Stammkundin war, nahm immer 20 Minuten Busfahrt auf sich“, erzählt die Apothekerin, „sie stand in der Offizin, weinte und fragte, wo sie denn nun hingehen solle. Dabei liegen mindestens 20 Apotheken auf ihrem Weg.“ Viele Ältere gehörten hier zum Stammkundenkreis. Manche sorgten auch für Überraschungen: „Kürzlich stand eine 90-Jährige mit ihrem Smartphone vor mir und las mir vor, was es online alles billiger gibt.“ Erklärungsversuche in Sachen Beratung und der Bedeutung der Apotheke vor Ort fruchteten bei der alten Dame nicht. „Die Bedrohung durch die Online-Apotheken hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, sagt die Apothekerin.

Bei ihr gab es neben der guten Beratung auch Menschlichkeit. „Vor kurzem kam ein Stammkunde, dessen Lebenspartner überraschend verstorben war. Er war völlig hilflos und wusste überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte.“ Wo geht man in so einer Situation hin? In die liebgewonnene Apotheke. Dorothea P. setzte sich mit einem Beerdigungsinstitut in Verbindung, tröstete den Kunden. Dabei hätte sie selbst jemanden gebraucht, der ihr Trost spendet. Das Ende ihres Unternehmens stand da nämlich schon so gut wie fest. Erschwerend kommt hinzu: Menschlichkeit gibt es nicht auf Rezept und Geld verdient man damit leider auch nicht.

Die Apothekerin möchte ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen. Sie schämt sich angesichts ihres vermeintlichen Misserfolges. Was werden die Kollegen sagen, fragt sie sich. Ihre Geschichte hat sie uns trotzdem erzählt. Weil es vielen Apothekern im Land derzeit so geht: Sie können nicht mehr, der Betrieb wirft nicht mehr genügend Gewinn ab. Existenzängste schleichen sich ein und werden mehr und mehr zur Würgeschlange.

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