Arzt verlässt Patienten

Lieber DFB-Videoschiedsrichter als Landarzt

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Berlin -

Münster-Sarmsheim ist eine kleine Gemeinde im Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz. Jetzt stehen die 3000 Einwohner ohne Arzt da. Jochen Drees schließt seine Praxis zum Monatsende. Er hat etwas Besseres gefunden: Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter und niedergelassene Arzt übernimmt beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) künftig die Verantwortung für das Thema Videoassistent. Zurück bleiben seine Patienten und eine Apotheke, die jetzt um ihre Existenz kämpft. Drees ist nur ein prominentes Beispiel für die Flucht der Landärzte.

Am vergangenen Freitag feierte der DFB in seiner Zentrale in Frankfurt am Main seinen neuen hauptberuflichen Mitarbeiter. Dort verkündeten der für die Referees zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann, Lutz Michael Fröhlich, der Sportliche Leiter der Elite-Schiedsrichter, Ansgar Schwenken, DFL-Direktor Fußballangelegenheiten und Fans, sowie Video-Assistent Dr. Jochen Drees die neuen Regeln in Sachen Video-Schiedsrichter.

Alles gut für den DFB. Aber in der Arztpraxis in Münster-Sarmsheim rufen jetzt die Patienten vergeblich an. Es antwortet ein Anrufbeantworter. Einen anderen Arzt gibt es in Münster-Sarmsheim nicht.

Auf Fragen zu seinem Wechsel aus der Praxis in die Fußballwelt will Drees nicht mehr antworten: „Herr Drees stand am vergangenen Freitag auf der Pressekonferenz ausführlich Rede und Antwort. Wir bitten daher um Verständnis, dass er derzeit für keine weiteren Interviews zur Verfügung steht“, teilte der DFB mit. Der 48-Jährige werde den Posten zum 1. Oktober hauptamtlich und in Vollzeit antreten, teilte dort DFB-Vizepräsident Zimmermann mit: „Jochen Drees hat sich beim Thema Video-Assistent hervorgetan. Er hat einen richtig guten Job gemacht", sagte Zimmermann.

Drees war seit 2001 Bundesliga-Schiedsrichter und wurde im vergangenen Jahr verstärkt als Video Assistant Referee (VAR) in Köln eingesetzt. „Ich habe jetzt die Chance, dazu beizutragen, dass die ganze Sache weiterläuft. Das Thema Video-Assistent ist ein sehr wichtiges und sehr gehaltvolles. Da werde ich versuchen, alles, was ich kann und an Fähigkeiten mitbringe, zu investieren“, zitiert der DFB Drees auf seiner Internetseite.

Der frühere Schiedsrichter werde für seine neue Aufgabe beim DFB seine Arztpraxis für Allgemeinmedizin im rheinhessischen Münster-Sarmsheim zum Ende dieses Monats aufgeben, so der DFB. „Unser Bundesgesundheitsminister muss sich Gedanken machen, wenn hervorragende Ärzte zum DFB gehen – und das sage ich als Patient“, kommentierte die Landflucht der ehemalige Schiedsrichter und Zahnarzt Markus Merk die überraschende Personalie.

In Münster-Sarmsheim erzählen sich die Leute, dass die Arztpraxis gut lief. Dort seien früher sogar vier Ärzte tätig gewesen. Nach und nach verließen Drees' Kollegen jedoch den abgeschiedenen Ort. Am Ende führte Drees die Praxis alleine. Angeblich hat er zwei Jahre vergeblich versucht, andere Ärzte für seine Praxis zu gewinnen. Vielleicht sei ihm die Arbeit zu viel geworden, heißt es in der Gemeinde.

Leidtragender des Wechsels vom Arzt zum obersten Video-Schiedsrichter des DFB ist auch die Nahe-Apotheke im Ort. Zunächst schien die Übernahme einer Apotheke im Nachbardorf für die Pharmazeutenfamilie Schellenberger ein guter Deal: Vater Gernot Schellenberger betreibt in Bingen-Büdesheim die Apotheke am Römer. In der Nahe-Apotheke in Münster-Sarmsheim arbeitet jetzt Sohn Niklas Schellenberger.

Nur durch Zufall habe man erfahren, dass die Nahe-Apotheke in der Nachbargemeinde zum Verkauf stand, erzählt Niklas Schellenberger. „Ihr Besitzer hat mit gerade mal 42 Jahren aus persönlichen Gründen Schluss gemacht, mehr wissen wir auch nicht. Seine Entscheidung ist relativ kurzfristig gefallen. Wenn wir nicht eingesprungen wären, hätte die Apotheke ganz schließen müssen.“ Das wäre für den 3000-Einwohner-Ort ein fataler Einschnitt gewesen. „Sie versorgt auch die umliegenden kleineren Gemeinden wie Rümmelsheim und Dorsheim, die nächsten Apotheken gäbe es erst wieder in Büdesheim oder Bingerbrück.“

Niklas Schellenberger hatte seine Approbation gerade frisch in der Tasche. Da erschien die Übernahme als „große Chance“. Die Neuerwerbung sollte zur Filiale werden, Sohn Niklas ihre Leitung übernehmen. Doch die Unterschriften unter dem Kaufvertrag waren kaum getrocknet, da erreichte die Schellenbergers eine Hiobsbotschaft. „Zum 31. August wird der einzige noch verbliebene Allgemeinarzt mit gerade mal 48 Jahren ebenfalls aus persönlichen Gründen aufhören. Die Praxis ist hier eine Institution, vor Dr. Jochen Drees haben schon sein Vater und sein Großvater hier gearbeitet.“ Alle Versuche der Gemeinde, einen Nachfolger zu finden, seien bislang ins Leere gelaufen. Die Büdesheimer Pharmazeuten seien erst versucht gewesen, die Übernahme wieder rückgängig zu machen, räumt der jüngere Schellenberger ein. „Doch dann haben wir uns gesagt, wir versuchen es trotzdem.“

Man liege an der Hauptstraße, einem zentralen Verkehrsknotenpunkt, es gebe genug Parkplätze direkt hinter dem Haus. „Die Leute sind entsetzt, dass die Arztpraxis schließt, aber froh, dass die Apotheke weiter Bestand hat. Wir hoffen daher, dass die Patienten bei uns weiter ihre Rezepte einlösen, auch wenn sie zu einem auswärtigen Arzt gehen.“ Auch will man die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein neuer Allgemeinarzt gefunden werden könne. Aufgeben will er nicht: „Ich bin in Büdesheim geboren und aufgewachsen“, erzählt Schellenberger. „Ich kenne auch die Leute hier, mit Kindern aus Münster-Sarmsheim bin ich gemeinsam in Bingen zur Schule gegangen. Nur im Studium habe ich hier nicht gewohnt, bin aber fast jedes Wochenende heimgefahren.“

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