Impfschutz

Risiko durch Impflücken bei Erwachsenen dpa, 28.11.2016 12:43 Uhr

Frankfurt/Berlin - Der tragische Tod eines kleinen Mädchens in Hessen macht einmal mehr deutlich: Masern sind keineswegs harmlos. Der Kinderarzt und Impfschutzexperte Dr. Martin Terhardt erläutert im Interview der Deutschen Presse-Agentur die Hintergründe sowie die Probleme auf dem Weg zum optimalen Schutz.

Frage: Es gibt Eltern, die halten Impfungen für schädlich und weigern sich, Kleinkinder impfen zu lassen. Wie viele Kinder sind nicht geimpft?
Antwort: Eigentlich stehen wir gar nicht so schlecht da: Bei Schulanfängern sind ungefähr 93 Prozent gegen Masern, Röteln und Mumps geimpft, das Ziel ist 95 Prozent. Dieses Ziel haben wir noch nicht erreicht. Wir haben zwar impfskeptische Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen und viel Beratung brauchen, aber wir schaffen es bis auf ungefähr sieben Prozent dann doch, diese Kinder impfen zu lassen.

Das größere Problem in dem Alter ist die zeitgerechte Impfung. Wir impfen oft zu spät, so dass Kinder in einem Alter nicht geschützt sind, in dem sie besonders gefährdet sind. Die Kinder müssen rechtzeitig geimpft werden – das heißt, so früh wie möglich. Und sie müssen so früh wie möglich auch zweimal geimpft werden. Bei den kleinen Kindern gibt es die Lücke zwischen dem Nestschutz und dem Impfschutz, wo die Kinder leider besonders gefährdet sind, wenn sie erkranken. Diese Lücke ist vielen nicht bekannt. Da müssen wir Sensibilität wecken.

Frage: Wenn eigentlich die meisten Kinder geimpft sind – wo liegt das größte Problem?
Antwort: Das viel größere Problem liegt tatsächlich bei der älteren Generation, wo wir viel größere Impflücken haben als bei den kleinen Kindern. Die Mütter müssen den Kindern einen guten Nestschutz geben und sich selber um ihren Schutz vor der Schwangerschaft kümmern. Wenn das nicht der Fall war, muss man die Umgebung des Kindes nach der Geburt schützen. Aber das ist halt kein 100-prozentiger Schutz, denn wenn Masern ausbrechen, kann man sich fast überall anstecken.

Man muss versuchen, die Impflücken aus der Vergangenheit zu schließen, und das ist sicher das allergrößte Problem, weil diese Personen schwerer zu erreichen sind. Die kleinen Kinder werden ja alle regelmäßig beim Kinderarzt vorgestellt, aber die Jugendlichen, die Erwachsenen bis zum Alter von 40 bis 45 Jahren, wo wir die Impflücken haben, die werden leider nicht gut genug geimpft, weil sie teilweise gar nicht davon wissen, teilweise nicht daran erinnert werden und teilweise gar nicht bei einem Arzt sind.

Frage: Was ist mit den Flüchtlingskindern, die vor allem im vergangenen Jahr in großer Zahl nach Deutschland kamen - sind die besonders gefährdet angesichts der schwierigen Bedingungen in ihren Herkunftsländern?
Antwort: Wir haben oft die Situation, dass Flüchtlinge kommen und keinerlei Dokumentation über ihre vorherigen Impfungen haben. Wir wissen aber, dass in Ländern wie Syrien bis zum Jahr 2011/2012 sehr gut geimpft wurde und es einen sehr strengen Impfplan gab. Aber da das seit 2012 nicht mehr zuverlässig war, gibt es die Empfehlung, ankommende Flüchtlinge in den Stellen, wo sie medizinisch betreut werden, immer mitzuimpfen. Es ist eher so, dass einige Länder im Balkan schlechte Impfungen hatten. Aus vielen afrikanischen Ländern können wir wiederum lernen bei den Impfquoten. Die Eltern mussten (in ihren Heimatländern) teilweise zu Fuß bis zu 20 Kilometer zum Impfen gehen, und die machen das, weil sie wissen, dass sie ihre Kinder schützen können. Dadurch, dass wir in Deutschland Krankheiten wie Masern kaum noch kennen, wird zu wenig darüber nachgedacht.

Martin Terhardt ist niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts in Berlin.

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