Der Wahn des Großkunden
Es ist das Mantra des Großkunden: Die Krankenkassen wollen ihren alten Apothekenabschlag von 2,30 Euro zurück. Mit dieser Maximalforderung geht der GKV-Spitzenverband in jede politische Debatte. Neu... Mehr
Alexander Müller, 09. November 2011, 14:18 Uhr
Im Streit mit mehreren Betriebskrankenkassen (BKK) erhalten die Apotheker Unterstützung aus der Politik: Der CDU-Gesundheitsexperte Michael Hennrich hat die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Dr. Doris Pfeiffer, um eine Stellungnahme zu dem Thema gebeten. Der Abgeordnete war zuvor von einem Apotheker aus seinem Wahlkreis angeschrieben worden. Die Krankenkasse „BIG direkt gesund“ hatte dem Apotheker wegen eines Formfehlers fünf Rezepte über das Krebsmedikament Revlimid (Lenalidomid) auf Null retaxiert, Gesamtschaden: 35.000 Euro.
Hennrich hat den Fall im Namen des Apothekers dem GKV-Spitzenverband geschildert und warnt vor den Folgen: „Denn bei dem Petenten hat sich der Eindruck verfestigt, dass die Belieferung hochpreisiger Arzneimittel (vorwiegend Medikamente von chronisch Kranken sowie Krebspatienten) durch manche Kasse derart erschwert werden soll, dass eine zeitnahe Belieferung des Patienten aufgrund hoher Anforderungen, etwa der Abprüfung eines Rezeptes beim behandelnden Arzt, nicht mehr möglich ist.“ Der Politiker bittet Pfeiffer um eine Stellungnahme sowie um eine „interne Geltendmachung Ihres Einflusses in dieser Sache“.
Der Apotheker will auch selbst aktiv werden und Widerspruch gegen die Retaxation einlegen. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg hat seinen Einspruch sehr sorgfältig geprüft und ist sich ebenfalls sicher: Bei dem nicht abgezeichneten Kreuzchen auf dem T-Rezept handele es sich nicht um einen Formfehler. „Es gibt keine Rechtsgrundlage, dass die Beschriftung des Rezeptes maschinell erfolgen muss“, sagt LAV-Jurist Frank Dambacher.
Aus Sicht des Verbandes sind die Vorwürfe der Kasse an den Haaren herbeigezogen und entbehren jeder Verhältnismäßigkeit. Dass die BIG direkt in allen Fällen eine Vollabsetzung vorgenommen habe, grenze angesichts der hohen Summe an Enteignung, so Dambacher.
Derzeit beschäftigt das Thema Retaxation den Verband quasi rund um die Uhr: Allein von der Firma Protaxplus, die für mehrere BKKen die Rezepte prüft, liegen dem LAV 300 Fälle vor. Insgesamt geht um 120.000 Euro. „Bagatellretaxationen haben gerade bei BTM-Rezepten eine ganz neue Dimension angenommen“, so Dambacher.
Die Baden-Württemberger stimmen derzeit mit anderen Landesapothekerverbänden auch juristische Schritte gegen die Retaxierungen ab. Denn mit einem Zurückrudern der Kassen sei wohl nicht zu rechnen. Die Verbände könnten zum Beispiel die Klagen betroffener Apotheker koordinieren. Zunächst muss jedoch in jedem Einzelfall Widerspruch eingelegt werden.
apotheke adhoc Debatte 1 Kommentar
MitdiskutierenSO ist es richtig !
Der betroffene Kollege hat es genau richtig gemacht ! Ran an die Politiker - bis die anhand ihres Postfaches begreifen, was uns widerfährt ! Nur ... wie viele der "protaxierten" Apotheken haben ebenfalls ihre MdB's quer durch die Parteien angefunkt ? Ich vermute, keine 10 %. Zu wenig, um die Politiker zu sensibilisieren. Ich hoffe inständig, dass Herr Hennrich Druck ausüben WILL und KANN. Bei allem Frust über die Politik darf man nicht vergessen, dass es auch dort "menscheln" kann. Durchaus auch mal zu unseren Gunsten !